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28.04.2017

Die Welt der Uni-Bücher – Ein Rückblick und zugleich Ausblick mit Bibliotheksdirektor Martin Vorberg

Vor fast genau zehn Jahren, am 11. Juni 2007 um 11.30 Uhr, wurde die Bibliothek der Bucerius Law School im Neubau eröffnet. Ihre Kunden lieben und schätzen sie. Was hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert? Wie gestaltet sich die Zukunft der Bibliothek, und welchen Ton gibt die Digitalisierung dabei an? Ein Rückblick und zugleich Ausblick mit Bibliotheksdirektor Martin Vorberg.

Was ist das Besondere an der Hauptbibliothek der Bucerius Law School?

Martin Vorberg: Sie ist eine Präsenzbibliothek, der gedruckte Bestand ist stets vor Ort – 24 Stunden am Tag. Unser Haus hat permanent geöffnet, auch an Sonn- und Feiertagen. Natürlich ist es diebstahlgesichert und wird auch vom Nachtwächterdienst überwacht. Denn unsere Räumlichkeiten, Arbeitsplätze und Bestände sind nur für Personen der Hochschule und nicht für Externe gedacht.


Wie wird die Bibliothek von den Kunden frequentiert?

Sehr gut. Das studentische Lager ist förmlich verknallt in die Bibliothek. Die größte Frequentierung ist von 18 Uhr bis Mitternacht. Am Wochenende finden Sie fast ausschließlich Doktorandinnen und Doktoranden vor, die an ihren Promotionsarbeiten sitzen. Wir haben 560 Arbeitsplätze und zwölf Rechercheplätze für unsere 1.000 Kunden aus Studium, Forschung, Lehre und Weiterbildung. Insgesamt unterteilen wir in zwölf Nutzergruppen, vom Ersttrimestler über den Doktoranden bis zum Professor.


Wie viel Literatur in Stückzahl gibt es?

120.000 gedruckte Medien stehen den Kunden zur Verfügung. Davon ist circa ein Fünftel englischsprachig. Mittlerweile haben wir auch 11.000 E-Books, sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch, die jeder Kunde innerhalb der Grenzen unseres Campus uneingeschränkt nutzen kann.  Jedes Medium gibt es bei uns nur einmal, entweder gedruckt oder digital.


Wann genau wurde die erste Bibliothek der Bucerius Law School gegründet? Sie begann ja weit vor dem Einzug in den Neubau.

Das ist richtig. Die Hengeler Mueller-Bibliothek der Bucerius Law School gibt es seit September 2000. Sie trägt den Namen ihres Förderers, einer renommierten Rechtsanwaltskanzlei mit Büros in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt/Main, München, Brüssel und London. Diese unterstützt jährlich mit einer stattlichen Summe. In jedem Buch findet sich ein Stempel der Kanzlei. Als ich 2002 die Verantwortung übernahm, befand sich die Hauptbibliothek provisorisch eingerichtet im Altbau. Da sind die Studierenden teilweise mit Feldbetten und Schlafsäcken aufgeschlagen. Jetzt gibt es Napping Rooms. Ganz zu Anfang war die Bibliothek in drei Baracken in der Mitte des Campus untergebracht. Das habe ich nur ein paar Tage miterlebt.


Wann war Spatenstich für den Neubau?

Im Herbst 2005 begann die Bauphase für das Gebäude, das 16 Meter hoch, 25 Meter tief und 40 Meter lang ist und ein unterirdisches Magazin hat. Dort lagert weniger aktuelle und ausrangierte Literatur. Entworfen wurde der Bau vom Architekturbüro MPP, Meding Plan + Projekt, in Hamburg. Am 11. Juni 2007 war dann die Eröffnung der neuen Bibliothek, die insbesondere mehr Arbeitsplätze und zusätzliche Plätze für Doktorandinnen und Doktoranden bereithält. Die Unterstützung kam zu einem Großteil von der Deutschen Bank, daher heißt das Gebäude auch Deutsche Bank Hall.


Was hat sich in den vergangenen Jahren getan?

Der Umfang unseres Datenbankangebotes ist gewachsen, entsprechend des inhaltlichen Wachstums der Hochschule. Auch die Anzahl der Arbeitsplätze für unsere Kunden hat sich erhöht, auf wie schon genannt 560 Stück. Manche davon haben wir mit Zweitmonitoren ausgestattet. Von den Arbeitsplätzen sind 175 für unsere Doktorandinnen und Doktoranden reserviert. Dass diese gut genutzt werden, ist ein Zeichen enormer Wertschätzung für uns. Wir verfügen insgesamt über eine ausgeprägte Dienstleistungsmentalität. Dazu gehört auch, dass es den Internet-Bibliothekskatalog (OPAC) als iPhone-App gibt. Über diese können Kunden den Bibliotheksbestand recherchieren. Im Laufe der Jahre ist unsere Kundschaft einerseits entspannter geworden, andererseits anspruchsvoller. Die 16- bis 18-jährigen Studienbeginner, die hier studieren, sind sehr technikaffin. Dahingehend hat sich unsere Arbeit gewandelt: Wir haben uns persönlich weitergebildet, was die elektronischen Medien betrifft. Zudem habe ich von Anfang an intuitiv nicht nur gedruckte Literatur erworben, sondern auch digitale. Ich habe komplette Schriftenreihen in elektronischer Form aufgekauft. Es gibt wie erwartet eine beeindruckende Nutzung. Und so habe ich weitergemacht.


Wie haben sich Bibliotheken generell in den letzten Jahren gewandelt?

Automatisierung, Virtualisierung und Digitalisierung haben spürbar zugenommen. Es gibt Bibliotheken, da ist alles digitalisiert. Naturwissenschaftliche oder technische Fächer beispielsweise brauchen keine gedruckten Werke mehr. Da werden zur Information und Kommunikation der wissenschaftlichen Community geeignete Blogs ins Internet gestellt. An der Bucerius Law School dagegen hat man das Tempo der Medientransformation unterschätzt. Erst vor Kurzem haben wir aufwändig und kostspielig unser WLAN ersetzt. Es war einfach zu langsam. Die Zahl unserer Kunden und täglichen Nutzungen elektronischer Medien ist gewachsen.Hört sich nach viel Arbeit an.


Wie viele Personen beschäftigen Sie in der Bibliothek?

Wir arbeiten zu siebt. Leider verstreut auf Büro in drei Etagen. Das bedeutet Management by walking. Außer mir gibt es eine Bibliothekarin, die meine Stellvertreterin ist, drei Bibliotheksassistenten, eine Juristin, unsere Auszubildende und drei Studentische Mitarbeiter. Sie sind unser Rückstelldienst. Sechs bis acht Zentner Bücher stehen pro Tag auf den Bücherwagen. Die wollen wieder an ihren Regalplatz zurück.


Wie wählen Sie Ihre Neuware aus?

Wir suchen sehr sorgfältig aus, müssen mit einem konstanten Budget haushalten, obwohl die Preise jährlich steigen: je nach Medium und Herkunftsland um fünf bis 30 Prozent. Wöchentlich landen fünf Kilo Verlagsprospekte bei mir, die ich sichten muss. Zudem orientiere ich mich an den Beständen anderer Bibliotheken. Ich muss stets wissen, wohin sich unser Campus entwickelt, benötige den entsprechenden Informationsstand, damit die Literatur zum Curriculum und zu Forschungsvorhaben passt. Der Abgleich ist wichtig – die Anforderung auf der einen Seite, die aktuellen Produkte auf der anderen Seite. Studierende können bei uns auch Anschaffungsvorschläge stellen.


Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Wir haben bereits offene Angebote wie Einweisungen und Führungen. Nun wollen wir das Spektrum erweitern und schulen, wie man mit bibliothekarischen und juristischen Datenbanken umgeht. Dafür wollen wir Schulungsräume einrichten. Außerdem sind Arbeitsplätze für Externe geplant. Das Konzept dafür ist geschrieben, nun muss die Hochschulleitung grünes Licht geben. Raum dafür haben wir. Wir können Regale abbauen, Platz schaffen aufgrund der Medientransformation. Diese wird das Bild der Bibliotheken weiter verändern. Gedruckte Medien werden weniger werden. Unsere Medien sollen auch außerhalb unseres Campus eingesetzt werden, elektronische Ressourcen auf portablen Endgeräten ubiquitär genutzt werden können, so unsere kurzfristige Perspektive. Unsere Kunden wollen nicht nur kabellos durch die Bibliothek, sondern von überall an juristische Informationen kommen, auch im Studentenwohnheim, im Coffee-Shop oder während einer Bahnfahrt. Eigentlich wollen wir nur ganz legitime und zeitgemäße Erwartungen erfüllen. Dieses zehn Jahre alte Gebäude unterstützt als Lern- und Arbeitsort und als Basislager unsere Bestrebungen enorm.

Interview: Anja Reinbothe-Occhipinti, freie Journalistin