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27.03.2017

Jura – und dann? Zum Lehren und Forschen nach Cambridge

Bucerius-Absolvent Julius Weitzdörfer (Jahrgang 2005) ist heute an der Universität Cambridge tätig. Im Interview erzählt er, wie er es an die Forschungsspitze geschafft hat, Japanologie und Rechtswissenschaften in seine Arbeit einfließen, und dass er keinesfalls im Elfenbeinturm lebt.

Herr Weitzdörfer, Sie sind der erste Bucerius-Alumnus, der in Cambridge lehrt. Was ist Ihre genaue Funktion?

Ja, ich denke ich bin der erste Bucerius-Alumnus, der in Oxbrigde lehrt. "Oxbridge" ist die übliche Bezeichnung für Oxford und Cambridge. Hier ist es so, dass Wissenschaftler oft mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen. Zum einen sind sie Mitglied der Universität und dort zum Beispiel an einer der Fakultäten tätig. Ich bin an der juristischen Fakultät und habe ein Lehrdeputat. Zum anderen hat praktisch jeder Lehrende auch eine Verbindung zu einem der 31 Colleges. Sie sind der Ort, an dem das studentische und soziale Leben stattfinden. Ich bin am Darwin-College und mein offizieller Titel lautet "Charles und Catherine Darwin Research Fellow". Das ist eine Postdoc-Position, die in Erinnerung an die Familie von Charles Darwin, der in Cambridge gewirkt hat, vergeben wird. In einer dritten Funktion arbeite ich an einem Zentrum, das sich der Erforschung existentieller Risiken widmet (CSER).

Wie kamen Sie dazu, nach Cambridge zu gehen?

Das ist eine längere Geschichte. Ich habe mich schon immer für Japan und gleichermaßen für Jura interessiert. Zuerst habe ich in Leipzig und Tokio Japanologie studiert und danach in Hamburg Jura. Es macht mir große Freude, heute beide Fächer in meiner Forschung zu verbinden. In Europa gibt es nicht viele Rechtswissenschaftler, die sich so dezidiert mit Japanischem Recht beschäftigen und über die hierzu erforderlichen Sprachkenntnisse verfügen. So kam ich zur Promotion an das Japan-Referat des Max-Planck-Instituts in Hamburg. Dort wird Rechtsvergleichung betrieben und ich habe ein Promotionsprojekt zum japanischen Verbraucherschutz- und Finanzrecht gewählt. Stipendien führten mich an die Universitäten von Kyoto und Frankfurt. Über ein Austauschprogramm des Max-Planck-Instituts bin ich im Jahr 2013 nach Cambridge gekommen. Dort hat es mir so gut gefallen, dass ich mich auf Postdoc-Stellen beworben habe und erfolgreich war. Die Möglichkeit, unter besten Bedingungen forschen zu können, erst in Hamburg und dann in Cambridge, hat für mich letztlich den Ausschlag zur Wahl einer akademischen Karriere gegeben.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Nichts ist Alltag und kein Tag ist wie der andere (schmunzelt). Während des Terms, also des Trimesters, ist das Universitätsleben hektisch und vielseitig. In den Trimesterferien habe ich mehr Zeit für Forschung. Wenn ich nicht auf internationalen Tagungen bin, schreibe ich viel in meinem Büro. Wenn ich eine Vorlesung halte, stehe ich in einem Hörsaal der juristischen Fakultät. Zudem unterrichte ich Kleingruppen, ähnlich wie beim Studium an der Bucerius Law School. Sowohl dort als auch in Cambridge beruht ein Teil des Erfolges sicherlich auf dem Unterricht in kleinen Gruppen, in Cambridge sogar nur von zwei bis fünf Studenten. So eng mit den Studenten zusammenzukommen macht große Freude. Diese sind wie an der Bucerius Law School handverlesen, hochmotiviert und stammen allein an meinem College aus 80 Ländern. Beim Mittag- und Abendessen gibt es starken interdisziplinären Austausch mit Kollegen im College, und ich sitze tagtäglich Mathematikern, Philosophen und Physikern gegenüber. Solche Gespräche sind sehr bereichernd, genauso wie die Veranstaltungen mit internationalen Gästen, unter denen hochkarätige Redner und Nobelpreisträger sind. Kaum jemand wird hier reich mit seiner Arbeit, aber man wird geistig reich belohnt. Das ist in Geld für mich nicht aufzuwiegen.

Gibt es auch eine Schattenseite an Cambridge?

Während des Trimesters ist so viel los in akademischer Hinsicht, dass immer mehrere Aufgaben gleichzeitig anfallen. Die Anforderungen an Stressresistenz und Organisationsfähigkeit sind damit hoch. Jeder hier arbeitet extrem professionell und ehrgeizig, vom Hausmeister bis zum Lehrpersonal und den Studenten. Das macht unglaublichen Spaß, bedeutet aber auch, dass das Leben sehr schnell ist und man gut mithalten muss.

Können Sie in Cambridge anders agieren als in Deutschland?

Ich denke, der enge Kontakt zwischen den Disziplinen und der Austausch mit den Kollegen, wie er hier durch das College-System stattfindet, ist in dieser Form an einer Uni in Deutschland kaum möglich. Ich lehre unter anderem Umwelt- und Europarecht. Meine Kernforschungsgebiete aber sind das Katastrophenrecht, Atomrecht und Japanische Recht. In Cambridge kann ich mich leicht mit Ökonomen oder Naturwissenschaftlern austauschen, die zu diesen Themen arbeiten. An unserem Forschungszentrum habe ich zudem sehr engen Kontakt mit Regierungsvertretern, etwa aus dem Cabinet Office oder dem Government Office for Science. Wenn wir über juristische, politische oder regulatorische Probleme diskutieren, geschieht dies beispielsweise mit Menschen wie meinem Chef, Prof. Lord Martin Rees, der im Oberhaus sitzt und als ehemaliger Präsident der Royal Society über weitreichende Kontakte verfügt. Als Akademiker derart mit Entscheidungsträgern im Kontakt zu stehen, ist etwas, das nicht überall möglich ist.

Was muss man für eine wissenschaftliche Karriere in England mitbringen?

Jura ist bekanntlich eine Disziplin, in der auf eine präzise und gewählte Sprache Wert gelegt wird. Hält man in Großbritannien einen Vortrag, ist es nicht nur wichtig, eloquent aufzutreten, sondern auch, ein bisschen Witz einzubringen. Zunehmend wird gefordert, nicht nur in der Forschung und Lehre aktiv zu sein, sondern auch in anderen Bereichen wie "outreach", und "public impact". Darunter wird verstanden, die wissenschaftliche Forschung in die wirkliche Welt hinauszutragen, so dass sie sich dort niederschlagen kann. Outreach kann man auch dadurch an den Tag legen, Veranstaltungen für die Öffentlichkeit abzuhalten, im Internet aktiv zu sein oder in Schulen zu gehen. Die Erwartung ist somit vielleicht stärker als in Deutschland, dass man sich auch außerhalb des Elfenbeinturms bewegt.

Was hat Ihnen die Bucerius Law School mitgegeben?

Besonders hilfreich waren die Legal-English-Kurse, die ich damals bei James Faulkner belegt habe. Vielleicht hätte ich ohne dieses Fachsprachenprogramm gezögert, nach England zu gehen. Dafür bin ich Herrn Faulkner sehr dankbar. Ich habe auch am juristischen Französisch-Unterricht teilgenommen. Alles eine gute Basis. Und natürlich hat mir die Law School das juristische Rüstzeug und eine Portion Stressresistenz vermittelt.

Sind Sie deshalb zum Jurastudium an die Bucerius Law School?

Ich hatte damals den Eindruck, dass sie die Hochschule in Deutschland ist, an der ich Jura unter den besten Bedingungen studieren kann, und dass sie auch über Jura hinaus das meiste bietet. Das hat sich für mich bewahrheitet. Die Bucerius Law School hat mir viel ermöglicht. Während meines Studiums habe ich mein Auslandsstudium in Shanghai absolviert und in der Studierendenvertretung Teamerfahrung gesammelt. An der Bucerius habe ich aber auch gelernt, die Herausforderung anzunehmen, im kompetitiven Umfeld unter sehr ehrgeizigen, schlauen Menschen zu arbeiten und deren Inspiration, Ermutigung und Motivation aufzunehmen.

In welcher Weise sind Sie mit der Bucerius Law School weiterhin verbunden?

Neben den Freundschaften zu ehemaligen Kommilitonen bin ich Mitglied des Bucerius Alumni Vereins. Dieser hat eine neue Regionalgruppe im Vereinigten Königreich, bei deren Treffen ich demnächst einmal dabei sein werde. Außerdem gibt es an der Bucerius einen Austausch mit Cambridge, über den jährlich etwa sechs Studenten hierherkommen. Ich freue mich dann besonders, diese zu treffen. Letztes Jahr hatten wir auch einen Bucerius-Alumnus im hiesigen LL.M.-Programm, in dem ich seit diesem Jahr lehre.

Vermissen Sie etwas aus der alten Heimat?

Neben Familie und Freunden vermisse ich eigentlich nicht sehr viel. Wenn dann wäre es besserer Nahverkehr und ein gewisser Sinn für Umweltschutz. Im Universitätsalltag hier gibt es noch viel Kunststoff – Plastikgeschirr, Plastikbesteck. Da ich Umweltrecht lehre, möchte ich natürlich auch umweltfreundlich leben. Es ist schade, dass das in England noch nicht so ausgeprägt ist wie in Deutschland.

Sind Sie beruflich am Ziel Ihrer Träume?

Ich bin beruflich unglaublich glücklich. Im Moment könnte ich mir kaum einen besseren Ort in der Welt vorstellen, um zu forschen. Das heißt aber nicht, am Ziel der Träume zu sein. Die Welt ist groß. Hoffentlich werde ich auch einmal wieder in Deutschland, Japan oder den Vereinigten Staaten arbeiten können. Wenn man in Cambridge wirkt, fühlt man viel Respekt und Ehrfurcht vor den Leistungen der jetzigen Kollegen und derer, die hier einmal waren. Charles Darwin hat mit Newton und anderen Wissenschaftsgrößen an diesem Ort geforscht. Die juristische Fakultät ist 750 Jahre alt und als zweitbeste der Welt gerankt. Das Darwin-College, an dem ich tätig bin, wurde auf dem Familienbesitz der Darwin-Familie gegründet. Jährlich wird ein Fellow, Mitglied, gewählt, zu Ehren von Charles Darwin jun. und seiner Frau. Das war im Jahr 2014 ich, als ich hier ernannt wurde. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich gerade tue, und wo ich bin.

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Interview: Anja Reinbothe-Occhipinti, freie Journalistin