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18.05.2017

Veranstaltungsreihe SAPERE AUDE! – Joseph Vogl über Vernunft und Geschichte

Über den universellen Geltungsanspruch der Vernunft im Spannungsfeld zu ihrer historischen Bedingtheit

Nachdem die SAPERE AUDE! – Veranstaltungsreihe der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und des Studium generale der Bucerius Law School im Januar mit der Frage nach der Wirklichkeit der Vernunft begonnen hatte und im März mit einer Diskussion über das Verhältnis von Vernunft und Glauben fortgesetzt wurde, ging es am 3. Mai 2017 um das Zusammenspiel von Vernunft und Geschichte. Hierfür war Professor Dr. Joseph Vogl, Inhaber des Lehrstuhls für Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Humboldt Universität zu Berlin und Permanent Visiting Professor der Princeton University, für ein Gespräch mit den Philosophiedozenten des Studium generale, Professor Dr. Dr. Kai-Michael Hingst und Dr. Sven Murmann, in das Helmut Schmidt Auditorium gekommen.

Vogl erläuterte zunächst das Spannungsfeld des universellen Geltungsanspruchs des aufklärerischen Vernunftbegriffs mit den für die Vernunftentfaltung notwendigen historischen Gegebenheiten. Bereits Kant habe um diese Bedingtheit gewusst und sei davon ausgegangen, dass stets der passende Zeitpunkt gekommen sein müsse, damit sich die Frage nach dem Vernünftigen überhaupt stellen könne. Spätere Philosophen hätten die Bedeutung von politisch-historischen Voraussetzungen für die Vernunftentfaltung dann aber deutlicher betont, sodass es mit Nietzsche zur "Selbstinfektion der Vernunft durch Geschichte" gekommen sei. Der Nihilismus, die "Erosion der Vernunft", könne so als Folge der Arbeit der Vernunft an ihrer eigenen Geschichte gesehen werden. Gefolgt sei eine Heimsuchung der Vernunft von Wissen, das dem Rationalen entzogen sei – das Unbewusste bei Freud und die Ideologie bei Marx. Nach dem ideengeschichtlichen Exkurs widmeten sich die Diskutanten gegenwärtigen Ausprägungen dieser Spannungen. So sei zu beobachten, dass fälschlicherweise davon ausgegangen werde, politische Ressentiments seien durch Vernunft bekämpfbar, wohingegen ihnen mit Affekten zu begegnen sei. Bei der abschließenden Eröterung aktueller philosophischer Ansichten argumentierte Vogl, dass das fehlende Vertrauen in einen Weltgeist und eine Hinwendung zum Guten, als ein letzter Schritt der Säkularisierung zu beurteilen sei. Dies beinhalte die Chance, die Geschichte selbst zu gestalten.

Am 14. Juni 2017 findet der vierte und letzte Teil der Veranstaltungsreihe SAPERE AUDE! statt. Professor Dr. Barbara Zehnpfennig (Universität Passau) wird mit den Moderatoren über Vernunft und Politik sprechen. 

Text: Leon Blacher; Fotos: Arian Henning