Beidhändige Führung

7 Fragen an Dr. Julia Duwe

Dr. Julia Duwe ist Expertin für Ambidextrie und Digital Leadership und seit vielen Jahren Innovations- und R&D-Managerin im Hightech-Umfeld. Ihr Buch „Beidhändige Führung“ erscheint demnächst in englischer Sprache bei Springer („Ambidextrous Leadership. How leaders unlock innovation through ambidexterity“, Springer, 2021). Im Rahmen der 11. Herbsttagung des Bucerius Center on the Legal Profession befassen wir uns mit der Frage, wie Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen zwei potenziell gegensätzliche Handlungslogiken effektiv jonglieren können: Explore und Exploit. In einem Interview mit Dr. Julia Duwe hatten wir die Gelegenheit, mehr über die Herausforderungen zu erfahren.

Frage: Was bewegt Unternehmen dazu, beidhändig zu agieren?

In zahlreichen Branchen sind Unternehmen heute gezwungen, ihr Bestandsgeschäft immer effizienter zu gestalten. Ob das die Produktion in der Automobilindustrie betrifft, das klassische Versicherungsgeschäft oder die Arbeit in Anwaltskanzleien: Bedingt durch die Digitalisierung, Automatisierung, den steigenden Kostendruck, globale Wettbewerber*innen oder Preiskriege wird es im Kerngeschäft immer schwieriger, ausreichend Marge zu erzielen. Zugleich können sich Unternehmen nicht mehr auf der reinen Optimierung des Kerngeschäftes ausruhen. Denn gleichzeitig läuft der Wettbewerb um digitale Geschäftsmodelle und Technologien. Es führt also gar kein Weg mehr daran vorbei, sich auf beides zu konzentrieren: Auf den Erhalt der Profitabilität im Bestandsgeschäft und auf den Aufbau des zukünftigen Business. Dass es beide Welten gibt, ist nichts Neues. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der Technologie, Geschäftsmodelle, Organisationsmodelle sowie Prozesse sich verändern und neue Spieler*innen in den Markt eintreten. Die gleichzeitige Ausrichtung auf das heutige und auf das zukünftige Geschäft, kurz Ambidextrie, ist in diesem Umfeld Pflichtprogramm.

Frage: Der Begriff Ambidextrie klingt ja etwas sperrig. Übersetzt sprechen wir von Beidhändigkeit. Ihr Buch fokussiert auf beidhändige Führung: Was bedeutet beidhändige Führung in Unternehmen?

Der Ansatz der Ambidextrie zeigt Unternehmen Mittel und Wege auf, das Bestandsgeschäft zu optimieren und gleichzeitig die Zukunft vorzubereiten. Hier gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen. Manche Unternehmen ermöglichen dies zum Beispiel durch den Aufbau neuer Organisationseinheiten für Innovation, getrennt vom klassischen Kerngeschäft. Oft ist diese strukturelle Trennung jedoch gar nicht möglich. Denn an vielen Stellen beginnen die Welten bereits im Kerngeschäft zu verschwimmen. Wo z.B. vorhandene Angebote der Rechtsberatung mit neuen digitalen und datenbasierten Lösungen ergänzt werden sollen, wo neue Services und Geschäftsmodelle im Bestandsgeschäft notwendig werden, dort sind Menschen im Arbeitsalltag immer öfter mit einer Zerreißprobe und völlig entgegengesetzten Anforderungen konfrontiert. Unterschiedliche Vorgehensweisen, Disziplinen und Prozesse aus unterschiedlichen Welten prallen im Alltag dann regelrecht aufeinander. Hier sind vor allem Führungskräfte gefragt. Sie müssen beides gleichzeitig orchestrieren und sowohl die bekannte traditionelle Welt weiterentwickeln als auch innovative, neue Ansätze vorantreiben.

Frage: Kanzleien hatten hervorragende Umsätze in 2020. Viele erkennen aktuell keine „burning platform“…

…Das ist genau die Gefahr, an der Ambidextrie/Beidhändigkeit ansetzt. Das Dilemma, in dem erfolgreiche Unternehmen stecken, wurde von der Wissenschaft schon vor Jahrzehnten skizziert. Sie können als erfolgreiches Unternehmen entscheiden, ob Sie dabei zuschauen, wie neue Marktteilnehmer völlig andere Wege einschlagen und den Rechtsmarkt radikal verändern. Sie können dabei zusehen, wie Mandant*innen den Mehrwert rasch erkennen und dann z.B. auf neue digitale Serviceangebote Ihrer Wettbewerber*innen zugreifen. Oder aber Sie gestalten und prägen aus der Position der Stärke heraus selbst aktiv den zukünftigen Markt.

Viele Kanzleien sind durchaus sehr daran interessiert, innovativer zu werden. Inwieweit kann Ambidextrie zu mehr Innovation führen?

Ambidextrie hilft dabei, parallel zum Kerngeschäft das neue Geschäft für die Zukunft aufzubauen. Wenn Sie beidhändig agieren, optimieren Sie einerseits Ihr bestehendes Geschäft, in dem Sie Prozesse verbessern, automatisieren, effizienter gestalten. Gleichzeitig denken Sie ausgehend vom zukünftigen Geschäftsmodell neu. Das heißt, Sie antizipieren das Geschäftsmodell, in dem Sie sich in 3, 5, 10 Jahren befinden werden. Für eine Kanzlei kann das z.B. ein Legal-as a Service-Modell mit digitalen Dienstleistungen sein. Aus diesem Szenario, dem zukünftigen Bedarf Ihrer Mandant*innen z.B. nach einer „Rundum-Sorglos-Rechtsberatung“ oder völlig neuen Services, leiten Sie Ihr Handeln ab. Wie geht es unseren Kunden in der Interaktion mit uns? Welche Brüche haben wir im Kundenprozess heute? Wo können wir besser werden? Welcher Teil meines Angebotes könnte – vielleicht auch von Dritten – als automatisierter Dienst im Abo angeboten werden? Was bleibt meine beratungsintensive Kernkompetenz? Will ich Services rund um eine Plattform aufbauen? Mit welchen Business Partnern, z.B. Versicherungen kann ich mein Angebot ergänzen, um meinen Mandant*innen ein „All-inclusive-Erlebnis“ zu ermöglichen? Will ich selbst eine digitale Plattform für Dienstleistungen aufbauen oder will ich bei einem Marktbegleiter andocken? Wie stark bin ich von welchen Geschäftsfeldern abhängig? Wie muss ich das Bestandsgeschäft frühzeitig umbauen?

Sie entscheiden, wenn Sie vom Geschäftsmodell her denken, bewusst, wie Sie bereits heute die Weichen stellen, um zu einem späteren Zeitpunkt den Schalter umzulegen. Ambidextrie ist gerade dann wichtig, wenn Sie extrem erfolgreich sind. Denn dann ist die Gefahr am größten, entscheidende Entwicklungen am Markt zu übersehen und zu verpassen.

Frage: Wie sieht für Sie in Ihrer täglichen Praxis beidhändige Führung aus?

Die tägliche Praxis zeigt, dass beide Welten – das heutige Geschäft und die zukünftigen Geschäftsmöglichkeiten – weiter verschwimmen. Unternehmen trennen z.B. immer weniger nach Kerngeschäft und Digitaleinheiten. Beides fließt ineinander. Entsprechend haben Sie als Führungskraft im Alltag auch mit beidem zu tun, mit heutigen klassischen Produktangeboten und mit zukünftigen, sich dynamisch anpassbaren Dienstleistungen, die neue Kundenerlebnisse ermöglichen. Mit heutigen starren Organisationsstrukturen und mit neuen fließenden Modellen, die Vernetzung und Zusammenarbeit ermöglichen. Mit heutigen Mindsets und mit der Offenheit für die ungewisse, dynamische Zukunft.

Ganz konkret heißt das für Führungskräfte im operativen Alltag, den eigenen Führungsstil bewusst an die jeweilige Zielsetzung anzupassen. Geht es um Neuland, ist ein vernetzender, die Disziplinen verbindender Führungsstil wichtig: Sie stellen Fragen, fördern Kreativität und Zusammenarbeit. Geht es um Effizienz und Schnelligkeit im Kerngeschäft, sind klare Ansagen, klare Prozesse hilfreich. Hier erwartet man von Ihnen Antworten und Vorgaben. Und beides können Sie als Führungskraft nutzen.

Frage: Was empfehlen Sie Führungskräften in Kanzleien, die beidhändig agieren wollen?

Sich mit dem heutigen Kundenerlebnis intensiv auseinanderzusetzen. Wo hat mein*e Mandant*in heute die größten Schwierigkeiten? Wo lasse ich sie/ihn allein? Wie kann ich Lücken schließen? Wo brauche ich Business Partner? Wie sehen zukünftige Geschäftsmodelle im digitalen Ökosystem aus? Welche Technologien werden unser Geschäft prägen? Und geht das mit unserer heutigen Organisation überhaupt? Und hier beginnt Führung: Beidhändig agieren bedeutet, das Zielbild für die Zukunft fest im Blick zu haben, die Organisation, die Menschen im Heute abzuholen und sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Insgesamt lässt sich beobachten, dass wir alle gerne wieder in bekannte Routinen zurückfallen, dass niemand gerne zugibt, etwas nicht zu wissen. Neuland bedeutet raus aus der Komfortzone. Das ist unbequem, bringt aber auch enorm frischen Wind. Und das spüren auch Ihre Kunden.

Frage: Wie wird sich die Thematik der beidhändigen Führung zukünftig weiterentwickeln?

Der Führungsalltag wird immer noch komplexer. Wenn Sie wirklich Zukunft gestalten wollen, dann wird Ihr Alltag zum „X-Welten-Raum“. Sie haben nicht mehr nur z.B. das heutige Kerngeschäft und das digitale Business, sondern permanente Veränderung, ständiges Neudenken. Während Sie eine Technologie erlernt, ein Geschäftsmodell implementiert haben, arbeiten potenzielle Marktteilnehmer schon wieder an ganz anderen Themen. Hier darf man jetzt auch nicht in Hektik verfallen, aber eine bewusste Strategie, die immer zusätzlich zum operativen Geschäft einen Weg in die Zukunft verfolgt – und auch dediziert Ressourcen dafür bereitstellt – ist überlebensnotwendig.

Wir danken Dr. Julia Duwe herzlich für ihre Zeit und die spannenden Einblicke in die beidhändige Führung. Auf der Website www.ambidextrie.de können Sie mehr über ihre Forschung zur Ambidextrie und Digital Leadership lesen.

Autor*in

Prof. Dr. Madeleine Bernhardt

Hamburg