Nachlese zur Berlin Legal Tech 2020

Eindrücke einer Konferenz

Die Berlin Legal Tech 2020 („BLT“) fand inzwischen zum vierten Mal in Folge statt. Wenn Sie einen ausführlichen Konferenzbericht suchen, dann finden Sie ihn hier: https://www.legal-tech.de/eindruecke-von-der-berlin-legal-tech-2020-legal-tech-hat-kein-ende/

Das hier ist kein solcher Bericht, eher eine Sammlung von Beobachtungen und Eindrücken anlässlich der Konferenz.

Konzept: Läuft.

Seit 2017 war die BLT eine Kombination aus Konferenz, Workshops und Legal Hackathon. Vorher gab es ein solches Format in Deutschland nicht. Es war so erfolgreich, dass es in die Schweiz und nach Österreich exportiert wurde. In Deutschland hat sich das Konzept inzwischen weitgehend etabliert. Dass man gelegentlich den Eindruck hat, dass auch noch kurz vor Beginn dieser speziellen Konferenz am Programm gefeilt wird, macht nichts, denn das ist nicht nur in Berlin immer so.

Wie in den letzten Jahren hat die BLT den Reigen der diesjährigen Legal Tech-lastigen Konferenzen eröffnet – und wie in den letzten Jahren folgen im Juni die Legal Transformation Days, im Herbst der Anwaltszukunftskongress und im Winter die Legal ®Evolution. Die Herbsttagung des Bucerius Center on the Legal Profession deckt allgemeinere Themen ab und gehört daher streng genommen nicht in diesen Reigen, auch wenn sie damals, im Jahr 2015, mit dem Konferenzthema „Mensch vs. Maschine“ den Legal Tech-Boom gestartet hatte (so viel Unbescheidenheit muss sein).

In Wien wird es im Juni 2020 die zweite Vienna Legal Tech geben, in Zürich im September die vierte Swiss Legal Tech,  unter neuer Leitung und neuem Fokus. Petra Arends-Paltzer, Mitgründerin von Swiss Legal Tech, konnte das neben ihren anderen Projekten nicht mehr bewältigen.

USP: Jo.

Wenn sich der Legal Tech-Hype jemals legen sollte, dann wird es vielleicht etwas eng für vier deutsche Konferenzen, obwohl: Es gibt ein „dringendes und unabweisbares Bedürfnis“ der Szene, sich zu treffen. Die vielen örtlichen Meetups sind ein Beleg dafür, aber das ist eben vor Ort – und nichts ist so bereichernd, auch Leute aus anderen Dörfern zu treffen. Vor den Konferenzen ist meine Linkedin-Echokammer voller Vorfreude auf „Klassentreffen“ und alles, was dazugehört, und ich kann mich dem auch nicht entziehen.

Wenn es künftig aber mal eng werden sollte – vier Konferenzen sind schon nicht ohne, und es gibt ja noch das als Legal Geek bezeichnete Rockfestival in London, und weitere internationale Konferenzen –, dann braucht man einen USP, und der liegt vielleicht weniger in den Konferenzformaten (verstanden als Vortragsveranstaltungen). Die Legal ®Evolution bleibt, bei aller Liebe, auch eher wegen des Messecharakters, nicht wegen der Vorträge in Erinnerung (Referentenslots werden dort häufig verkauft, und das erklärt manches).

Das, was die BLT jedenfalls so reizvoll macht, ist neben der Netzwerkplattform der Hackathon, in diesem Jahr 17 Teams mit drei sehr coolen Gewinnern. Ausführlich wird Florian Glatz darüber berichten, hier nur so viel: Nirgendwo gibt es so viel Kreativität und Freude daran, interdisziplinär zusammenzuarbeiten, wie bei einem (Legal) Hackathon. Das prägt den Spirit der gesamten Veranstaltung. Nach dem Pitch ist die Party am Donnerstag Abend unverzichtbar, wenn auch eine Herausforderung für die Konzentration am nächsten Tag. Das zu erleben und zu feiern macht den großen Wert der BLT aus, seit 2017.

In Berlin.

Berlin ist speziell, das finden Besucher bekanntlich cool. Einwohner arrangieren sich damit. Die BLT hat sehr was von Berlin, soweit der Hackathon betroffen ist –immer in einer Umgebung, in der man merkt, wie sehr einen die unfertige Umgebung, die niemals eine Chance hat, „fertig“ zu werden, inspirieren kann. Berlin eben. Wedding, Kreuzberg oder Neukölln, alte Fabrikgebäude, mehr genius loci findet man nicht.

Die Konferenz selber fand am Freitag dann in einem gesichtslosen Bürogebäude inmitten vieler Büroneubauten um den Hauptbahnhof herum statt, das war einem Sponsor geschuldet. Wenn Frankfurter, Münchner, oder Kölner (natürlich jedweden Geschlechts) den Begriff „Bahnhofsviertel“ hören, haben sie vielleicht irreführende Assoziationen, die aber mit dem Berliner Bahnhofsviertel nichts zu tun haben: hier verwandelt sich seit 2006 eine frühere Stadtwüste in ein Konglomerat von Bürogebäuden und Hotels um den (immerhin ikonischen) Bahnhof herum. Verkehrsgünstig, aber ohne Flair, könnte auch in einer anderen Stadt sein, aber man kann nicht alles haben.

Hype.

Man denkt ja immer, dass der Hype irgendwann mal vorbei ist. Ist vielleicht auch so, aber der Begriff... den hätte man sich schützen lassen sollen. Legal Tech hat eine große Strahl- und Anziehungskraft, und jede(r) versucht, daraus für sich etwas zu machen. Ob es seit Jahren bestehende Kanzleisoftwarehersteller sind, die neuerdings als „The Legal Tech Company“ auftreten, oder absolute Newcomer, die als Legal Tech-Berater auftreten – die juristische Branche ist selber schuld, denn sie wirkt oder ist so unprofessionell, dass auch new kids on the block glauben, Rechtsanwälten sagen zu können, wo es lang geht.

Hauptsponsor der Veranstaltung war der Hersteller der führenden Kanzleisoftware in Deutschland, nach eigenen Angaben mit 70.000 Arbeitsplätzen in Deutschland. Das Sponsoring wirkte für denjenigen, der diese Programme kennt, ein bisschen so, als würde Lufthansa sich in „The Green Airline“ umfirmieren – aber vermutlich wussten die meisten Teilnehmer mit diesem Unternehmen eh nichts anzufangen. Damals, Anfang der 90er Jahre, war es das innovativste Unternehmen der Branche, dann mit einer geschickten Marketingstrategie zur Marktbeherrschung aufgestiegen – ähnlich wie Microsoft damals, auch mit den gleichen Innovationseinbrüchen wie Microsoft. Marktbeherrschung ist bekanntlich nie gut für die Innovation. Inzwischen scheint es aber wieder bergauf zu gehen, wiederum wie Microsoft.

Der Geschäftsführer des Sponsors durfte auf die Bühne und definierte Legal Tech als „Software, die juristische Arbeit unterstützt“ – mit einer solchen Definition fällt die Abgrenzung zu Word und Outlook nicht mehr so leicht, entsprechend gab es verhaltenes Prusten im Publikum. Anyway, man soll nicht mäkelig sein: Florian Glatz bedankte sich ausdrücklich beim Hauptsponsor und wies darauf hin, dass ohne das Sponsoring der Legal Hackathon nicht möglich gewesen wäre. Dem Dank kann man sich nur anschließen.

Highlights.

Workshops gab es auch, an zwei unterschiedlichen Standorten in Kreuzberg. Die Workshops zum Bereich „Legal Engineering 101“ kamen besser an als zum Themenblock „Digitale Transformation gestalten“; letztlich möchte man auch lieber machen und verstehen, wie es gehen kann. Einen überfüllten Workshop „Legal Tech - von der Idee zum Produkt“ gestalteten Tianyu Yuan und Jakub Szypulka. Letzterer war Mitglied im Gewinnerteam des letztjährigen Hackathons, beide haben im Frühjahr 2019 mit zwei weiteren Mitgründern ein Unternehmen gegründet, das gleich eine staatliche Startfinanzierung erhalten hatte. Hackathons können eben auch eminent praktisch sein, nicht nur inspirierend.

Was noch fehlt, ist eine Hackathon-Datenbank, denn viele der Ideen, die es nicht unter die Gewinner gebracht haben, sind trotzdem super, aber nach dem Hackathon zerstreut es sich in alle Winde. Eigentlich schade, aber auch Ausdruck des Überflusses an Ideen und einer unkommerziellen Haltung, die vermutlich auch wichtig für den Spirit der BLT ist.

Die Konferenz war ein bisschen gemischt. Am Vormittag gab es mit dem Vortrag von Thorsten Dittmar ein Highlight, dagegen hatten es die anderen (und guten) Vormittagsreferentinnen schwer. Interessant war, dass eine junge Referentin als ihr Motiv für den Weg zur Digitalisierung ihren Frust über langweilige Arbeit angab. Das hören wir bei Bucerius dauernd, wenn wir junge Jurist*innen aus Deutschland und dem Rest der Welt interviewen: Wenn man damit groß wird, dass es für alles und jedes eine App gibt, dann nimmt man nicht ohne weiteres hin, dass einem langweilige Standardarbeit vorgesetzt wird. Es wäre also so einfach mit der Motivation der Generationen Y und Z, aber die Boomer tun sich da regelmäßig sehr schwer.

Nachmittags gab es drei auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Vorträge, eingeleitet von Tom Braegelmann und gefolgt von Alisha Andert (meine Kollegin bei Chevalier) und Lina Krawietz (This is Legal Design), die aber letztlich ein zentrales Thema behandelten. Tom Braegelmann sprach über Garbage in, Garbage out, und bezog das zunächst auf unsaubere Datengrundlagen, die unausweichlich Folgen für die jeweiligen Anwendungen haben. Das Thema spielt gerade bei sog. AI-Anwendungen eine erhebliche Rolle, aber nicht nur da. Alisha Andert erweiterte den Ansatz, stellte Legal Tech zurück und fing am Beispiel unserer Kanzlei Chevalier mit der simplen Frage an, woran man eigentlich seine Aktivitäten orientieren sollte, und wenn es etwa Mandanten seien, wie man um deren Bedürfnisse herum eine Organisation aufbaut und dann, aber auch erst dann, die Technik ins Spiel bringt. Lina Krawietz, die mit Alisha bei This is Legal Design zusammenarbeitet, zeigte dann, wie man mit Hilfe von Legal Design solche Prozesse strukturieren und durchführen kann.

Am Ende dieser Vorträge war dann (wieder einmal) klar, dass die Digitalisierung erst einmal die Betrachtung von Grundlagen und Abläufen ist, nicht so sehr eine oder mehrere Softwareapplikationen. Die drei Gewinnerteams des Hackathons rundeten das ab – auch ihre Arbeit hatte mit der Frage begonnen, was man eigentlich lösen/machen will, und erst nach dem Wettbewerb der Ideen kam der Wettbewerb der Tools. Nicht umgekehrt.

Was bleibt?

Konzept läuft, USP vorhanden, volles Haus: Sorgen? Der Markt ist hart. Aber die BLT hat mit dem Networking, interessanten „locations“, dem Hackathon mit seinem Spirit und einer guten Nase für interessante Referent*innen alles beieinander, um das erfolgreich fortzusetzen. Die Mischung wird die Kunst sein, wie immer bei Eintopfgerichten. Es wäre den Veranstaltern zu wünschen, das hinzubekommen, und uns, den insgesamt begeisterten Teilnehmer*innen, sowieso.

 

Markus Hartung

 

Zum Blog-Archiv

Hamburg