Self-Leadership: Vier Methoden zur Optimierung Ihrer Führungsqualitäten in der aktuellen Krise

Mit kurzen „Fokus-Routinen“ zu noch effektiverer Führung

In der aktuellen Pandemie sind Führungskräfte gefordert, ihre Führungskompetenzen in besonderer Form unter Beweis zu stellen: Von ihnen wird u. a. erwartet, dass sie kontinuierlich ruhig und besonnen agieren, besondere Empathie für die akuten Sorgen und Belange ihrer Mitarbeiter/-innen zeigen, Optimismus angesichts der Herausforderungen an den Tag legen und dabei stets faktenbasierte Entscheidungen treffen, die sowohl kurz- als auch mittel- und langfristig geeignet sind, um aus der Krise „gestärkt hervorzugehen“. Rekurriert wird in diesem Zusammenhang auf die hierfür erforderliche „Resilienz“ bzw. mentale Stärke. Resilienz beinhaltet die folgenden Faktoren: (1) Emotionsregulierung, (2) Impulskontrolle, (3) Empathie, (4) Kausalanalyse (Ursachen komplexer Probleme präzise identifizieren), (5) Selbstwirksamkeit (Überzeugung, Herausforderungen effektiv bewältigen zu können), (6) realistischen Optimismus und (7) die Bereitschaft, Neues auszuprobieren.

Self-Leadership – ein starkes Instrument für professionelle Führung in Krisenzeiten

Effektive Führung erfordert, dass Sie eines der wichtigsten Führungsinstrumente konsequent berücksichtigen und das sind Sie selbst inklusive Ihrer Gedanken, Emotionen und Ihrer körperlichen Verfasstheit. Je besser Sie dieses Instrument beherrschen, desto virtuoser können Sie in der Führung Ihrer Organisation und Ihrer Teams sein, und umso mehr stärken Sie sich mental für zukünftige Herausforderungen. Dies gilt in besonderer Weise, wenn sich die Situation als besonders komplex sowie kognitiv und emotional anspruchsvoll erweist. Self-Leadership stärkt insbesondere die vier Resilienz-Faktoren Emotionsregulierung, Impulskontrolle, Empathie und Kausalanalyse.

Hans Vestberg, Chairman und CEO von Verizon Communications, einem weltweit führenden Telekommunikationsanbieter, beschreibt sein Verständnis von Führung in diesem Sinne mit den folgenden Worten:

„The first layer of skills a good leader must master are internal: managing himself or herself as an individual human being. This includes physical health, emotional balance, self-knowledge – everything that you bring along with you to each meeting, each decision, each public event. A lot of leaders are tempted to ignore or deemphasize this most basic layer but they do so at their peril." (Quelle: Morgan, J. (2020): The Future Leader – 9 skills and mindsets to succeed in the next decade. John Wiley: New Jersey, p. 202.)

Die Empirie zeigt, dass der Wechsel zwischen nach außen gerichteter Aktion und nach innen gerichteter Reflexion die Führungsqualität deutlich erhöht. Gerade in Krisenzeiten ist die gesamte Aufmerksamkeit jedoch oft vornehmlich auf das Geschehen im Außen gerichtet. Eine hohe emotionale Stabilität gepaart mit einer hohen Flexibilität im Umgang mit emotionalen und kognitiven Herausforderungen ist zentral für eine effektive Bewältigung besonders anspruchsvoller Führungssituationen. Drei Ebenen der Selbstführung beeinflussen dabei das Führungshandeln: die kognitive, emotionale und physische Ebene. Hinsichtlich der kognitiven Ebene sowie der emotionalen Ebene ist seit der Forschung des Neurologen Antonio Damasio in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts das komplexe Zusammenspiel zwischen Emotionen und Kognitionen für die Entscheidungsfindung in den Fokus gerückt: Ohne emotionale Beteiligung können wir keine klugen Entscheidungen treffen. Dennoch glauben viele – gerade auch Führungskräfte – dass Emotionen für ihr Handeln eher lästig bis schädlich seien. Das Unterdrücken „negativer“ Emotionen ist die bevorzugte Regulierungsstrategie, auch wenn diese nachweislich mittel- und langfristig auf allen Ebenen schädlich wirkt. Effektive, emotionale Regulierung ist hier ein mächtiges Instrument, um die eigene Führung auf das Wesentliche auszurichten. Wer demgegenüber emotional erschöpft ist, wird unflexibler im Denken, erkennt weniger Optionen und kann schlechter mit anderen in Kontakt treten. Mit Blick auf die physische Ebene besteht z. B. über die Bedeutsamkeit von ausreichend erholsamem Schlaf in der Wissenschaft kein Zweifel mehr: Wer völlig übermüdet ist, der zeigt kognitiv einen ähnlichen Leistungsabfall als sei er betrunken, kann Informationen nur ungenügend verarbeiten und macht mehr Fehler bei Entscheidungen. In der unternehmerischen Praxis wird hier dennoch immer wieder „optimiert“ zulasten der Effektivität in der Zeit, in der wir „wach“ sind. Auch dass Sport die geistige Aktivität, Merkfähigkeit und kognitive Flexibilität fördert, ist bekannt. Bereits durch zügiges Gehen werden durch den erhöhten Blutfluss neben Sauerstoff auch biochemische Substanzen besser transportiert. Wer regelmäßig Sport treibt – eher mehrmals pro Woche als mehrmals im Jahr – fördert hierdurch die Bildung neuer Synapsen im Gehirn.

Fokus-Routinen etablieren – mit kurzen Interventionen zu effektiverer Selbstführung

Selbstführung gelingt, wenn Sie diese zu einer Priorität machen. Dafür müssen Sie nicht Ihren gesamten Tagesplan umstellen. In der folgenden Übersicht finden Sie einige zentrale Techniken, die parallel auf den drei Ebenen wirken.

Fokus-Routine I: Reflexion und Intention (Dauer: 8-10 Min.)  

Das schriftliche Reflektieren ist eine besonders effektive Technik, um das eigene Führungshandeln zu betrachten und auf Basis der Reflexion weiterzuentwickeln. Eine an der Harvard Business School durchgeführte Studie befasste sich mit der Frage, welche Effekte das tägliche, 15-minütige schriftliche Reflektieren über vergangene Erfahrungen auf die Studienteilnehmer hatte. (Quelle: Di Stefano, G., Francesca G., Pisano, Gary P., and Staats, B.: Making Experience Count: The Role of Reflection in Individual Learning. Harvard Business School Working Paper, No. 14-093, March 2014. Revised June 2016.) Es zeigte sich eine Verbesserung auf den Ebenen der kognitiven Leistung, der Motivation, der Anstrengungsbereitschaft und des Durchhaltevermögens bei Rückschlägen.
Idealerweise führen Sie diese Übung morgens direkt nach dem Aufwachen durch. Auf diese Weise setzen Sie eine klare Intention für den Tag, auf die Sie im Verlauf immer wieder Bezug nehmen können.
Ablauf: Nehmen Sie direkt nach dem Aufwachen ein Notizbuch und schreiben Sie Ihre Gedanken zu den folgenden Fragen auf:

  • Wie möchte ich heute als Führungskraft wahrgenommen werden? Wie möchte ich mich verhalten und fühlen?
  • Wie möchte ich auf angenehme und auf unangenehme Überraschungen reagieren?
  • Was kann ich dazu tun, um die Ziele in meinem Führungshandeln zu erreichen?
  • Wie kann ich mich im Tagesverlauf immer wieder daran erinnern, was ich mir für heute vorgenommen habe?

Anschließend praktizieren Sie – wenn möglich – für 5 Minuten die Übung „Fokus-Atmung“.

Fokus-Routine II: Fokus-Atmung (Dauer: 5 Min.)

Dieses Instrument wird u. a. von Hochleistungssportlern und Spezialeinsatzkräften regelmäßig genutzt, um zum richtigen Zeitpunkt die erforderliche Hochleistung erbringen zu können. Sie können Sie im Tagesverlauf immer dann einsetzen, wenn Sie sich physisch und gedanklich fokussieren möchten, insbesondere vor/während/nach kognitiv und emotional anstrengenden Ereignissen.

Ablauf: Setzen Sie sich möglichst aufrecht hin, schauen Sie entspannt geradeaus oder schließen Sie die Augen.

  • Atmen Sie tief durch die Nase ein, und zählen Sie dabei langsam von eins bis vier. Sie können eine Hand auf den Bauch legen und darauf achten, dass Sie möglichst tief in das Zwerchfell atmen, die Bauchdecke wölbt sich dabei während des Einatmens nach vorn.
  • Halten Sie den Atem dann an, und zählen Sie währenddessen wieder langsam von eins bis vier.
  • Atmen Sie vollständig durch die Nase aus, und zählen Sie wieder von eins bis vier.
  • Halten Sie den Atem dann an, und zählen Sie währenddessen wieder langsam von eins bis vier.
  • Beginnen Sie die Sequenz dann mit der Einatmung wieder von vorn.

Wenn ein Gedanke auftaucht, dann nehmen Sie ihn wahr und fokussieren wieder auf die Atmung. Sie trainieren damit nebenbei Ihre Konzentrationsfähigkeit. Je regelmäßiger Sie diese Übung nutzen, desto länger können Sie die Atemzüge ausdehnen. Je mehr Zeit Sie auf die Übung verwenden, desto stärker ist ihre Wirkung.

Fokus-Routine III: Interne Reaktionsanalyse (Dauer: 3-5 Min.; mit etwas Übung wenige Sek.)

Diese Übung wird u. a. auch von professionellen Verhandlerinnen und Verhandlern praktiziert, um in emotional besonders fordernden Situationen durch den direkten Zugang zu ihren gedanklichen und emotionalen Prozessen sowie deren aktiver Regulierung maximal fokussiert agieren zu können.

Ablauf: Wenn Sie merken, dass Sie sich z. B. über einen Kollegen ärgern, dann können Sie mit dieser Technik Ihre Emotionen schnell regulieren und handlungsfähig bleiben. Da die Technik mit etwas Übung nur wenige Sekunden in Anspruch nimmt, können Sie sie auch direkt anwenden, während Sie mit anderen interagieren.


Schritt 1: Halten Sie gedanklich kurz inne und unterbrechen Sie wenn möglich die aktuelle Tätigkeit. So kreieren Sie zeitlich Platz zwischen der Emotion und Ihrer Reaktion.


Schritt 2: Nehmen Sie zwei tiefe Atemzüge (Zwerchfellatmung), um Ihrem Körper Entspannung zu signalisieren. Ebenso wie unsere Gedanken unseren Körper aktivieren können, kann unser Körper unsere Gedanken beeinflussen.


Schritt 3: Fragen Sie sich nun: Was fühle ich gerade? Hierdurch bringen Sie den Fokus vom limbischen System, wo die Emotionsverarbeitung vorrangig stattfindet, hin zum präfrontalen Cortex, in dem nun nach Worten gesucht wird. Dadurch wird die emotionale Anspannung weiter reduziert. Sie schaffen so mehr Flexibilität in Ihrem Umgang mit den vorhandenen Gefühlen. Bleiben Sie nicht beim ersten Wort stehen. Überlegen Sie, welche weiteren Begriffe Ihre Empfindung gut beschreiben. Wir starten z. B. oft mit dem Begriff „Ärger“, der meist nicht die primäre Emotion ist. Eine dahinterliegende Empfindung kann z. B. Enttäuschung sein. Wenn Sie feststellen, dass Sie gerade nicht „verärgert“ über einen Kollegen sind, sondern „enttäuscht“, dann werden Sie mit dem Kollegen vermutlich anders sprechen (sofern Sie das Gespräch suchen).


Schritt 4: Nun überlegen Sie: Woher kommt es, dass ich gerade so stark emotional reagiere? Erkenne ich hier ein Reaktionsmuster? Reagiere ich z. B. immer besonders stark, wenn ich befürchte, dass meine Expertise nicht gewürdigt wird/wenn andere sich nicht an Absprachen halten…? Das Erforschen von Gründen ist besonders wertvoll, wenn es immer wieder vergleichbare Verhaltensweisen sind, auf die Sie stark reagieren. Grundsätzlich kann diese Reflexion sich mindestens in zwei Richtungen weiter entwickeln: Wenn Sie das Verhalten einer anderen Person als so kritisch empfinden, dass Sie ein Gespräch mit der Person führen möchten, dann können Sie das zu kritisierende Verhalten und dessen Effekte im Anschluss an diese Reflexion präziser beschreiben. Es kann auch sein, dass Sie feststellen, dass Ihre starke Reaktion weniger mit dem Verhalten der anderen Person und mehr mit Ihren bisherigen Erfahrungen und Erlebnissen zu tun hat. Es ist dann hilfreich, das erkannte Muster zunächst zu akzeptieren, da wir unser aktuelles Verhalten gelernt haben, weil wir es zuvor als effektiv erlebt haben. Anschließend können Sie sich fragen, wie Sie zukünftig auf typische „Trigger“ reagieren möchten, die bei Ihnen zu dem Reaktionsmuster führen. Manchmal reicht es aus, sich in der „Trigger-Situation“ zu vergegenwärtigen, dass die eigene Reaktion ein Muster ist, um die emotionale Anspannung zu reduzieren. Je öfter Sie dieses Vorgehen trainieren, desto schneller durchlaufen Sie den Prozess.
Nach dieser Reflexion und Regulierung wenden Sie sich wieder der vorher ausgeübten Tätigkeit zu.

Fokus-Routine IV: Reflexion und Ausrichtung (Dauer: 8-10 Min.)

Diese Übung ist ideal, um am Abend die Erfahrungen des Tages mit den am Morgen gefassten Intentionen abzugleichen. Molly Joseph, Juristin und CEO der United Healthcare Global, einem führenden Dienstleistungsunternehmen der Gesundheitsvorsorge, beschreibt in einem Interview zu ihrem Führungsverhalten in der aktuellen Covid-19 Krise ihre tägliche Reflexionsroutine am Morgen und am Abend mit vergleichbaren zu den hier aufgeführten Fragen. Diese helfen ihr, sich gerade jetzt kontinuierlich auf das Wesentliche zu fokussieren und die Hochleistung zu erbringen, die sie erbringen möchte.
Ablauf: Nehmen Sie ein Notizbuch und schreiben Sie Ihre Überlegungen zu den folgenden Fragen auf:

  • Was hatte ich mir heute Morgen vorgenommen?
  • Was davon habe ich erreicht?
  • In welchen Situationen habe ich so (re)agiert, wie es meiner Idealvorstellung entspricht; in welchen nicht?
  • Was kann ich morgen tun, um die Führungskraft zu sein, die ich sein möchte?
  • Wofür bin ich heute dankbar? Wem bin ich heute dankbar?

Anschließend praktizieren Sie – wenn möglich – für 5 Minuten die Übung „Fokus-Atmung“.

Fazit

Die Covid-19 Krise erweist sich als profunder Test für die Qualität von Führung. Sich jetzt die Zeit zu nehmen, bewusst aus den täglichen Erfahrungen zu lernen, mag auf den ersten Blick wie ein Luxus wirken. Diejenigen, denen es in dieser Zeit gelingt, den Blick nicht nur im Außen zu halten, sondern regelmäßig nach innen zu richten und ihre Flexibilität im Umgang mit den besonderen beruflichen Beanspruchungen aktiv zu stärken, können ihr Potenzial maximal nutzen, die Herausforderungen effektiver bewältigen und so ihre Teams und ihre Organisation gesünder durch die Krise und in eine erfolgreiche Zukunft führen.

Prof. Dr. Madeleine Bernhardt, Executive Faculty

 

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