Technik, die begeistert

Wir waren irgendwie mal weiter, geradezu führend. Technik wurde mit Kunst gleichgesetzt, Ingenieurskunst. Und es ist ja auch beeindruckend, wie Technik das Leben verbessern kann. Für Softwaretechnik scheint das bei uns nicht mehr zu gelten.

Unlängst verirrte ich mich in North Andover, Massachusetts. Das ist eine Kleinstadt nördlich von Boston, gute halbe Stunde Fahrt. Sieht sehr amerikanisch aus. Natürlich hatte ich mich nur virtuell verirrt, auf der Homepage des Städtchens. Die Seite bietet nichts Besonderes, außer: North Andover ist online sehr benutzer*innenfreundlich aufgestellt, dort kann man alle möglichen Services als Bürger*in online erledigen, in vielen Fällen findet man wenigstens die Namen, Mailadressen und Telefonnummern derjenigen Mitarbeiter*innen der Stadtverwaltung, die einem weiterhelfen können. Also ein gemäßigtes E-Government. Den Full Monty der Verwaltungsdigitalisierung findet man allerdings nicht in den USA, sondern in Estland: Die sehr cool gestaltete Homepage behauptet, dass 99% der öffentlichen Dienstleistungen online rund um die Uhr verfügbar seien. Nur Hochzeiten, Scheidungen und Grundstückstransaktionen erfordern das Verlassen des heimischen Sofas. Man kann seit 2005 auch online wählen, das wird von 44% der Bevölkerung genutzt. Nach Angaben auf der Homepage werden dadurch 11.000 Personen-Arbeitstage pro Wahl eingespart. Was die Digitalisierung der öffentlichen Dienstleistungen angeht, behauptet die Homepage, dass dadurch 844 Arbeitsjahre jährlich eingespart würden. Das klingt schon sehr atemberaubend, bestimmt ist es um 100 Arbeitsjahre aufgerundet, aber auch dann immer noch sehr beeindruckend.

Der gleiche Test auf der Homepage einer typischen deutschen Stadt, sagen wir Berlin, führt zu anderen Ergebnissen. Immerhin findet man auf der Startseite von berlin.de, dem offiziellen Hauptstadtportal, einen Link zum Serviceportal. Die Top-Dienstleistungen sind Wohnungsanmeldung sowie die Beantragung von Personalausweis, Reisepass oder einer Meldebescheinigung. Top ist das deshalb, weil Berlin ein hohes jährliches Bevölkerungswachstum hat und alle dauernd umziehen oder verreisen. Die Dienstleistungen sind natürlich nicht top, im Gegenteil: Auf der Homepage kann man nur Termine zum persönlichen Vorsprechen auf dem Amt vereinbaren, bzw. auch das kann man nicht: Wenn man eine Wohnung anmelden will – nach § 17 Abs. 1 Bundesmeldegesetz muss man das innerhalb von zwei Wochen nach Einzug erledigen, sonst riskiert man nach § 54 Abs. 2 Nr. 1, Abs. 3 ein Bußgeld bis zu 1.000 Euro – dann geht das nicht. Das Buchungsfenster zeigt immer nur zwei Monate, und in diesen zwei Monaten ist es ausgeschlossen, einen Termin zu buchen, da alles ausgebucht ist – in allen Berliner Bezirken. In Berlin ist das ein Dauerthema, aber was soll man schon machen. Dysfunktionale Verwaltung eben, eine Mischung aus keine Technik, veraltete Abläufe, zu wenig Personal und Berliner Service. Nächste Woche wieder versuchen.

Deutschland ist zutiefst analog. Das mag man irgendwie sympathisch finden, vielleicht auch nur putzig. Aber jetzt Corona. Corona zeigt überall, dass wir für die Jetztzeit und die Moderne nicht mehr ausreichend aufgestellt sind. Videotermine bei der Justiz? Eher Stillstand der Rechtspflege. Anwaltsbüros – die meisten wussten nicht weiter. Kein ausreichendes Internet, kein Breitband, Glasfaser nur vereinzelt. Digitale Verwaltung gibt es eh nicht, siehe oben. Digitaler Unterricht? Überlastete Gesundheitsämter, die mit den Infektionsketten angesichts der handschriftlichen Listen nicht klarkommen, und mit einem jeder Beschreibung spottenden Reporting an das RKI mit der Folge, dass die Corona-Inzidenzzahlen nur mittwochs und donnerstags stimmen, weil ansonsten Wochenende ist. Corona-Warnapp? Teuer und nutzlos – wobei das auf die Kappe der politischen Rahmenbedingungen geht, weniger auf die Technik als solche. Online-Verwaltung von Impfterminen? Vergessen Sie’s. Sie kennen das alles. Gerade hat ein Rapper eine Software vorgestellt, mit der man datenschutzkonform Besucher*innen in Restaurants oder Bars erfassen kann und für den Fall, dass es eine Infektion gab, die gesammelten Daten anonym an die Gesundheitsämter senden kann. Dort können die Daten mittels einer Automatisierungssoftware weiterverarbeitet und Kontakte des Infizierten automatisch informiert werden. „Könnte“ wäre allerdings richtiger, denn die Gesundheitsämter sind nicht digitalisiert und hätten schon keine Software, um diese Daten entgegenzunehmen und zu verarbeiten. Das waren sie im März 2020 nicht und sind es heute immer noch nicht. Stattdessen lieber in den Lockdown.

Technik, die begeistert. Vorsprung durch Technik. Beides Beispiele aus der Autoindustrie. Mit SAP oder anderen deutschen Softwareunternehmen haben wir nie ein so inniges Verhältnis entwickelt. Wann ist uns die Begeisterung für die Technik abhandengekommen? Und warum? Verbinden wir mit Digitalisierung etwas Negatives? Irgendeine Panik muss dahinterstecken, aber welche? Das ist eine offen gestellte Frage. Über Ihre Antworten freuen wir uns.

P.S.: Falls Sie sich fragen, was der vorstehende Rant mit dem Bucerius Center und dem Thema dieses Newsletters zu tun hat: Unsere Verwaltung, unsere gesamte Daseinsfürsorge sähe schon sehr anders aus, wenn sie aus Nutzer*innensicht gestaltet würde. Design thinking in der Daseinsvorsorge, das wäre eine Aufgabe.

Autor*in

Markus Hartung

Hamburg