5 Schritte auf dem Weg zu einer verantwortungsvolleren Kanzlei

Wie Kanzleien in Deutschland ihre Corporate Social Responsibility Strategie verändern können, um die Ansprüche der jungen Generation zu erfüllen.

Es gibt viele gute Gründe, als Kanzlei verantwortungsvoll zu handeln und wenige, es nicht zu tun: Sollten die unmittelbaren positiven Effekte des verantwortungsvollen Handelns nicht ausreichen, dann zumindest, weil Kanzleien nur so als Arbeitgeber attraktiv bleiben können.

Was genau denken Studierende und Young Professionals über die unternehmerische Verantwortung von deutschen Kanzleien? Diese und viele weitere Fragen habe ich ihnen in einer Umfrage gestellt.1

Das Ergebnis fällt für den deutschen Rechtsmarkt im Durchschnitt nicht vorteilhaft aus: Fragt man sie, wie gut deutsche Kanzleien ihre Ansprüche an die Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung eines Arbeitgebers erfüllen, vergeben sie auf einer Skala von 0 bis 5 durchschnittlich 2,1 von 5 Punkten. Im sogenannten War for Talent können Kanzleien mit diesem Ergebnis eindeutig nicht punkten.
 

CSR, CR & ESG – Viele Abkürzungen, unterschiedliche Bedeutungen?

Corporate Social Responsibility (CSR) wird unter Bezugnahme auf das Grünbuch der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2001 als freiwillige Verpflichtung von Unternehmen, soziale und ökologische Belange in ihrer Unternehmenstätigkeit zu berücksichtigen, definiert. Corporate Responsibility (CR) wird oft als weitergehender Begriff, der auch Corporate Governance und Compliance umfasst,2 verstanden. Teils werden die Begriffe aber auch synonym verwendet. Die ESG-Kriterien (Environmental, Social and Governance Factors), auf die unter anderem im „Who cares wins“ Report des UN Global Compact aus dem Jahr 2004 Bezug genommen wird, stammen ursprünglich aus dem Gebiet des nachhaltigen Investments. Unabhängig davon, welcher der Begriffe verwendet wird, liegt ihnen allen das Verständnis zugrunde, dass sich Nachhaltigkeit – wie von der EU im Vertrag von Amsterdam angesprochen – auf die drei Säulen der Ökonomie, Ökologie und des Sozialen bezieht.

Deutsche Kanzleien haben bezüglich einzelner Elemente ihrer Corporate Social Responsibility bereits inspirierende Ideen entwickelt. Meist fehlt es jedoch an einem schlüssigen Gesamtkonzept, das alle Elemente berücksichtigt. CSR kann sich einerseits auf die interne Verantwortung der Kanzlei hinsichtlich ihres ökologischen Fußabdrucks oder der sozialen Verantwortung gegenüber Mitarbeitenden beziehen. Andererseits ist auch die externe Verantwortung durch Mandatsauswahl, Pro Bono-Arbeit und ehrenamtliches Engagement zu berücksichtigen. Um eine verantwortungsvollere Anwaltskanzlei zu werden, muss jedes der folgenden fünf Elemente in das Konzept aufgenommen werden.
 

1. Intern: Verringern Sie Ihren eigenen ökologischen Fußabdruck

Bei der Auswahl eines Arbeitgebers wird die ökologische Nachhaltigkeit der Kanzlei als zweitwichtigstes konkretes Element der unternehmerischen Verantwortung gesehen, unter anderem vor dem Pro Bono Engagement.3 Die Relevanz der ökologischen Nachhaltigkeit einer Kanzlei wird von den Teilnehmenden der Umfrage mit 3,3 von 5 bewertet. Fragt man hingegen, wie wichtig ihren Erfahrungen nach deutschen Kanzleien der eigene Fußabdruck ist, erhalten diese nur 1,5 von 5 Punkten.4

Wie kann eine Kanzlei dieser Wertigkeit gerecht werden? Papierverbrauch, Recyclingpapier und Mülltrennung sind in Deutschland gern diskutierte Themen. Aus Sicht der jungen Generation spielen jedoch vor allem die Reduzierung von Reisen und der Energieverbrauch eine entscheidende Rolle.5 Aufgrund der Corona-Pandemie ist deutlich geworden, welche Reisen verzichtbar sind, aber auch welche wirklich einen Mehrwert bieten. Wie oft aber beschließen Kanzleien Reiserichtlinien, die den Verzicht auf Flugreisen insbesondere innerhalb Deutschlands und die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel als Grundsatz festlegen, von dem nur besonders begründete Ausnahmen gemacht werden? Der Wechsel zu Ökostrom war für einige Kanzleien bereits ein wichtiger Schritt zu mehr Nachhaltigkeit.6 Auch bei dieser scheinbar einfachen Anpassung bleibt es wichtig, den Anbieter kritisch zu beurteilen und sicherzustellen, dass tatsächlich erneuerbare Energien gefördert und nicht lediglich Herkunftsnachweise von Drittanbietern erworben werden.7 Auch der Stromverbrauch selbst kann eine wichtige Stellschraube sein: Welche Geräte werden benutzt, wie und wann wird geheizt und gekühlt, wann und von wem werden Licht und Geräte tatsächlich ausgeschaltet? Ist eine Optimierung am aktuellen Standort der Kanzlei überhaupt möglich8 und kann eine Energieberatung von Expert*innen unentdecktes Einsparpotenzial aufdecken?

Neben den beiden Faktoren Reisen und Energieverbrauch verbleiben noch viele weitere Möglichkeiten, den eigenen Fußabdruck zu reduzieren. Die Kompensation von Emissionen sollte dabei immer der letzte Schritt bleiben. Alle verursachten Emissionen sollten in der Gesamtstrategie berücksichtigt werden – zum Beispiel auch Verpflegungsangebote und die Beschaffung und das Recycling von nachhaltiger Büroausstattung und Arbeitsmaterialien. Die Strategie sollte in einem zweiten Schritt beinhalten, die Mitarbeiter*innen in deren Umsetzung einzubeziehen und dafür zu begeistern. Kanzleien und Unternehmen insgesamt können sich gegenseitig inspirieren, wenn es um Aktivitäten geht, die das Bewusstsein für ökologische Nachhaltigkeit erhöhen und um die Unterstützung der Nachhaltigkeit der individuellen Mitarbeiter*innen. Nicht zuletzt kann die Ausbildung des juristischen Nachwuchses in für den Klima- und Umweltschutz relevanten Rechtsgebieten unterstützt und so ermöglicht werden, dass der Rechtsmarkt seinen Beitrag zur ökologischen Nachhaltigkeit leistet.
 

2. Extern: Die Auswirkungen der Mandatsauswahl auf Gesellschaft und Umwelt berücksichtigen

Bei den genannten Elementen der ökologischen Nachhaltigkeit handelt es sich um die unmittelbar durch die Kanzlei verursachten Emissionen, die relativ offensichtlich deren Verantwortungsbereich zuzuordnen sind. Man könnte an dieser Stelle aufhören. Will eine Kanzlei jedoch ernsthaft Verantwortung übernehmen, sollte sie auch ihre Mandate berücksichtigen.

Nach Reisen und Energie wird die Mandatsauswahl von den Teilnehmenden der Umfrage als die wichtigste Maßnahme einer Kanzlei gesehen, um ökologische Nachhaltigkeit erreichen zu können.9 Auch die Law Firm Climate Change Scorecard, die bewertet, welche Rolle amerikanische Kanzleien für den Klimawandel spielen, sieht hierin einen der wichtigsten Faktoren.

Die Mandatsauswahl wird von allen Möglichkeiten der Kanzlei, Verantwortung wahrzunehmen am häufigsten kontrovers diskutiert – so auch auf der letzten Herbsttagung des Bucerius Center on the Legal Profession.10 Kanzleien scheinen diesbezüglich besonders vorsichtig zu sein, weil diese mögliche Veränderung am ehesten das Geschäftsmodell in Frage stellt. Prof. Charles A. O’Reilly machte im Rahmen der Herbsttagung jedoch bereits deutlich, dass Unternehmen nur dann bestehen bleiben können, wenn sie über ihr Kerngeschäft hinaus nicht den Blick für Innovation verlieren. Gerade das Geschäftsmodell in Frage zu stellen kann eine Kanzlei zukunftsfähig machen.

Es ist Teil des Kanzleialltags, sich auf bestimmte Mandant*innen oder Branchen zu konzentrieren. Diese Auswahl sollte sich nicht nur auf ökonomische Erwägungen beschränken, sondern um Kriterien der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit der Mandate ergänzt werden. Einen Vorschlag für eine ESG-Bilanz, die zur Beurteilung nach dem Abschluss eines Mandats dient, haben die Associates von Graf von Westphalen bereits entwickelt. So sollen zum Beispiel Transport-Emissionen, Diversität des Beraterteams und Ressourcenverbrauch analysiert und die Informationen mit den Mandant*innen geteilt werden. Auch diese unmittelbar durch das Mandat verursachten ökologischen und sozialen Folgen könnten bereits im Vorhinein in eine Beurteilung einbezogen werden.

Wie kann ein solcher Kriterienkatalog aussehen? Dies ist eine legitime und besonders wichtige Frage, da die Ausgestaltung in der Praxis durchaus komplex ist. Wie die anderen Elemente muss sich auch dieser gut in die Gesamtstrategie der Kanzlei einfügen. Ein Kriterienkatalog könnte die folgenden zwei Teile beinhalten: einerseits eine Beschreibung des Prozesses, wie Mandate ausgewählt werden sowie andererseits Positiv- und Negativkriterien für die Mandatsauswahl. Die Kriterien können zum Beispiel eine Gesamtbewertung zur Folge haben, die eine Beurteilung des Einzelfalls zulässt. Einfache Beispiele für ein Kriterium sind die Nachvollziehbarkeit der Lieferkette von Mandant*innen, die aktuellen Emissionen oder die konkreten Ziele zur Verringerung der Emissionen. Außer Mandant*innen kann auf einer zweiten Ebene auch das Mandat, also die Tätigkeit der Kanzlei beurteilt werden. So könnte zum Beispiel die Unterstützung beim weiteren Ausbau fossiler Energien abgelehnt, eine Orientierung hin zu erneuerbaren Energien jedoch juristisch begleitet werden.

In einer idealen Welt könnten Vorschläge zu Kriterienkatalogen veröffentlicht und möglicherweise unter Beteiligung von Rechtsanwaltskammern diskutiert werden. Einer transparenten Kommunikation zur Mandatsauswahl messen Studierende und Young Professionals eine Wichtigkeit von 3,2 von 5 bei.11 Je offener kommuniziert wird, desto eher gibt dies zukünftigen Arbeitnehmer*innen die Chance, einzuschätzen, wie gut sie sich mit den Werten einer Kanzlei identifizieren können. In jedem Fall sollten die Vorschläge aber intern als gemeinsame Diskussionsgrundlage zwischen Associates und Partner*innen dienen.
 

3. Intern: Übernehmen Sie Verantwortung für Ihre Mitarbeitenden

Der sozialen Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden kommt laut Studierenden und Young Professionals mit 4 von 5 Punkten die größte Bedeutung zu. Auch diese Ansprüche werden von deutschen Kanzleien nur mit 2,2 von 5 Punkten erfüllt. Die Verantwortung gegenüber Mitarbeitenden hat zahlreiche Facetten. Work-Life-Balance und Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind die wichtigsten Faktoren, darauf folgen mentale Gesundheit, die Unterstützung der Weiterentwicklung auf fachlicher Ebene und schließlich die Diversität des Arbeitsumfelds.12 

Zu diesen Themen existieren bereits umfangreiche Literatur und hilfreiche Konzepte, weshalb sich die folgende Erläuterung darauf beschränkt, gewisse Elemente hervorzuheben. Schon in vorhergehenden Studien des Bucerius Center on the Legal Profession wurde deutlich, wie sehr flexible Arbeitszeiten und eine Balance zwischen Privat- und Berufsleben von der jungen Generation geschätzt wird.

Insbesondere in Bezug auf das Wellbeing der Mitarbeitenden („mental health“ einschließlich stressbedingten Beeinträchtigungen bis hin zu Angstzuständen, Depressionen und Burnout) wird aus der Umfrage unter Studierenden und Young Professionals13 und aus der Recherche des Liquid Legal Institutes ersichtlich, dass deren Relevanz gerade erst in das Bewusstsein vieler deutscher Kanzleien gelangt. Auch dieses Element hat das Potenzial, das derzeitige Geschäftsmodell der Kanzlei in Frage zu stellen. Mitarbeitende müssten noch viel mehr als wertvolle Ressource wahrgenommen werden, die es zu schützen gilt. Die Beurteilung der Qualität von Anwält*innen anhand ihrer Billable Hours in den Kanzleien und in den Köpfen der Mitarbeitenden selbst lässt dafür wenig Raum. Wie eine alternative Bewertung aussehen kann und warum diese positiven Einfluss auf die Diversität hätte, erfahren Sie hier. Welche Unterschiede zwischen den Generationen bestehen, oder jedenfalls wahrgenommen werden, erfahren Sie hier.
 

4. Extern: Pro Bono & Soziales Engagement als fester Bestandteil des Anwaltlebens

Wie der Pro Bono Index zeigt, wird die Pro Bono Arbeit von Kanzleien in ganz Europa immer wichtiger und ausgeprägter. Fragt man Studierende jedoch, wie wichtig deutschen Kanzleien ihr Pro Bono Engagement sei, werden lediglich 1,9 von 5 Punkten vergeben.14 Unter anderem die American Bar Association verdeutlicht in diesem Artikel, wie wertvoll die Pro Bono Arbeit für Anwält*innen auf persönlicher und professioneller Ebene sein kann.

In Deutschland beschränkt sich Pro Bono Arbeit gemäß der Definition des Pro Bono Deutschland e.V. auf Fälle, in denen eine staatliche Kostenhilfe nicht möglich ist und damit überwiegend auf gemeinnützige Organisationen. Eine Ausweitung und Annäherung an andere Länder wäre hier durchaus denkbar, würde jedoch Gesetzesanpassungen und Initiative der Kanzleien erfordern.

Insbesondere im Pro Bono Bereich gibt es sehr innovative Einzelprojekte wie das Refugee Rights Access Project auf der Balkanroute. Auch die Erfahrung von größeren Kanzleien zum Beispiel in Bezug auf Verfassungsbeschwerden kann für die strategische Prozessführung in kleineren Verfahren genutzt werden, wenn die richtige Kooperation angestrebt wird. Ebenso wie die Projekte sind auch die Pro Bono-Strategien der einzelnen Kanzleien vielfältig. So wird zum Beispiel mit der CMS-Stiftung die Organisation von Pro Bono und sozialem Engagement der Kanzlei ausgelagert und Projekte sowohl finanziell als auch inhaltlich und organisatorisch unterstützt.

In Anwaltskanzleien gibt es meiner Meinung nach noch viel ungenutztes Potenzial: Problemlösefähigkeit und Organisationstalent der Mitarbeitenden in Kombination mit dem vielfältigen Netzwerk bieten die Chance, gesellschaftliche Probleme zu lösen. So könnten kanzleiinternen Teams alle 6 Monate ein Tag zur Verfügung stehen, an dem sie sich mit einem beliebigen Thema auseinandersetzen und eine entsprechende Engagementstrategie für die Kanzlei entwickeln können. Diese Methode ließe sich ebenso gut auf kanzleiinterne Projekte, also zum Beispiel Beiträge zur ökologischen Nachhaltigkeit der Kanzlei oder ein Konzept zur Mandatsauswahl übertragen. Die Auswahl des Themas könnte den Teams überlassen werden.
 

5. Ehrliches Engagement oder Greenwashing? Die Relevanz von Transparenz und Anpassung der Kanzleikultur

Der entscheidende Faktor auf dem Weg zu einer verantwortungsvolleren Kanzlei ist die transparente Kommunikation des eigenen Fortschritts. Nur wenn eine Kanzlei transparent über alle Elemente der Corporate Responsibility berichtet, können Stakeholder und Nachwuchs entscheiden, ob sie sich mit den Werten und Zielen der Kanzleien identifizieren können. Gerade potenzielle Bewerber*innen wollen wissen, ob dies der Fall ist: Nach dem Rechtsgebiet, der Work-Life-Balance und dem Gehalt ist die Vereinbarkeit der Werte der Kanzlei mit ihren eigenen für die junge Generation der wichtigste Faktor.15 Auch für Mandant*innen, die sich selbst Nachhaltigkeitsziele setzen wird dies immer wichtiger.16

Basis für eine transparente Kommunikation ist die Sammlung der relevanten Daten. Zu begrüßen sind möglichst konkrete Gesamtziele, die es erforderlich machen, dass die Wirksamkeit der getätigten Maßnahmen gemessen und entsprechende Daten erhoben werden. Ein Beispiel in Bezug auf ökologische Nachhaltigkeit ist das Ziel von Hogan Lovells, bis zum Jahr 2030 net zero zu erreichen.

Bei der Berichterstattung kann man sich gut an den Sustainable Development Goals oder dem UN Global Compact orientieren, sofern man diese Grundprinzipien mit Leben füllt. Standards mit konkreteren Vorschlägen hat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) in seiner Orientierungshilfe zum Leitfaden DIN ISO 26000 auf S. 27 f. verglichen. Einige britische Kanzleien haben sich zum Beispiel bereits als B Corp zertifizieren lassen – das Impact Assessment bietet zahlreiche konkrete Anhaltspunkte. Alternativ bietet auch die Gemeinwohlbilanz der Gemeinwohlökonomie Inspiration.

Transparente Kommunikation bedeutet auch, ehrlich zuzugeben, in welchen Bereichen noch Optimierungspotenzial besteht. Eine Kanzlei, die offen kommuniziert, in Bezug auf welche Elemente sie noch auf der Suche nach geeigneten Lösungen ist und vielleicht sogar um Unterstützung und Ideen bittet, möchte vor allem das Ziel erreichen und nicht allein die positiven Marketingeffekte zu ihren Gunsten ausnutzen.

Entscheidend dafür, ob Veränderungen als Greenwashing wahrgenommen werden oder als ehrliches Engagement, ist auch, ob sich die Veränderungen in der Kanzleikultur widerspiegeln. Jede Veränderung sollte das gesamte Personal der Kanzleien einbeziehen. Sie sollte von der Führungsebene getragen, aber von allen Mitarbeitenden gestaltet werden. Daher sollten auch alle Fragen zur CSR-Strategie der Kanzlei und den einzelnen Elementen beantworten können. Und zwar möglichst nicht, weil es verpflichtende Onboarding-Informationsvideos zu den Themen gibt, sondern vor allem, weil die Relevanz im Alltag spürbar ist.

Teil der Kanzleikultur sollte stets eine offene Diskussionskultur sein, die es jederzeit ermöglicht, auch kritische Fragen nach der Entwicklung der Kanzlei zu stellen und gemeinsam an Lösungen für bestehende Probleme zu arbeiten. Ein gutes Beispiel dafür ist das Team Green von McDermott Will & Emery, das von Associates ins Leben gerufen, von den Partner*innen aufgegriffen wurde, und zur Folge hatte, dass sich ein Team kanzleiintern monatlich mit Maßnahmen zur ökologischen Nachhaltigkeit auseinandersetzt.
 

Die Chance zur Veränderung jetzt nutzen

Unternehmerische Verantwortung muss in der Zukunft der deutschen Kanzleien Platz haben, wenn sie langfristig für Arbeitnehmer*innen und Mandant*innen attraktiv sein wollen.

Ziel muss es dabei sein, möglichen Berichtsanforderungen, die in Zukunft auch Kanzleien treffen könnten, zuvorzukommen. Dies bedeutet, zum jetzigen Zeitpunkt Daten über den aktuellen Stand und Effekt von bisherigen CSR-Maßnahmen zu sammeln. Wird abgewartet, bis Berichtsanforderungen erfüllt werden müssen, wirkt Engagement in diesen Bereichen nur selten ehrlich. Das Risiko, dass die Präsentation von Maßnahmen als Greenwashing wahrgenommen wird, steigt erheblich.

Darüber hinaus lässt uns insbesondere die Klimakrise keine Zeit für zögerliches Handeln.17 Zwar ist die soziale Verantwortung nicht weniger wichtig, jedoch kann die Klimakrise nicht nur ökologische, sondern gerade auch gesamtgesellschaftlich erhebliche und schwer einschätzbare soziale Auswirkungen haben.18

Auch wenn deutsche Kanzleien noch einen weiten Weg vor sich haben, bis sie die Ansprüche der jungen Generation erfüllen, können sie doch bereits viel voneinander und von ihren Mandant*innen lernen. Es bleibt vor allem eine Chance, ernsthaft Verantwortung zu übernehmen.

 

Dieser Beitrag verdeutlicht jeweils zunächst die Relevanz der Elemente anhand der Ergebnisse der Umfrage. Die darauf folgenden Vorschläge zur Erfüllung der Ansprüche stellen vor allem die Sichtweise der Autorin dar, die sie unter anderem auf Grundlage der Umfrage und der durchgeführten Interviews entwickelt hat. Die Ergebnisse der Umfrage mit derzeit 114 Antworten sowie einer Zusammenfassung der geführten Interviews werden demnächst veröffentlicht. Bis dahin freut sich die Autorin auf weitere Antworten von Studierenden und Young Professionals unter https://ez10.typeform.com/CRinKanzleien  sowie auf einen weiteren Austausch zu diesem Thema und lädt Sie gerne ein, sie unter franziska.adelmann(at)law-school.de zu kontaktieren.
 

Link zur Umfrage zum Thema "Corporate Responsibility in Kanzleien" für Studierende und Young Professionells



Autorin

Franziska Adelmann, Studentin Bucerius Law School.
Franziska Adelmann steht kurz vor dem Abschluss ihres ersten Staatsexamens und beschäftigt sich derzeit mit der unternehmerischen Verantwortung von Kanzleien.

 

Endnoten

1  Diese und die folgenden Forschungsergebnisse basieren auf einer Umfrage aus dem Jahr 2021 mit bisher 114 Teilnehmenden sowie mehreren Einzel– und eines Gruppeninterviews. Circa 85 % der Teilnehmenden haben bereits Erfahrung in einer mittelständischen Kanzlei oder einer Großkanzlei gesammelt. Die Teilnehmenden konnten auswählen, zu welchen Elementen der CSR-Gesamtstrategie sie Fragen beantworten möchten. Von den 114 Teilnehmenden haben sich 50 entschieden, alle der mehr als 70 gestellten Fragen zu beantworten. Die Ergebnisse werden zu einem späteren Zeitpunkt in ausführlicher Form veröffentlicht.
2  Vgl. Kreip C., Verantwortungsvolle Unternehmensführung, 2020, Springer, S. 21 f.
3  Antworten auf die Frage der 2021 durchgeführten Umfrage unter Studierenden und Young Professionals „Welche der folgenden Faktoren sind dir bei der Auswahl einer Kanzlei als Arbeitgeber am wichtigsten?“ (Multiple Choice). Diese Frage wurde von 114 Personen beantwortet.
4  Ergebnis der 2021 durchgeführten Umfrage unter Studierenden und Young Professionals, Bewertung auf einer Skala von 0 – Überhaupt nicht wichtig bis 5 – Sehr wichtig. Diese Fragen wurden von 58 bzw. 57 Personen beantwortet.
5  Antwort auf die Frage der 2021 durchgeführten Umfrage unter Studierenden und Young Professionals, „Was sind aus deiner Sicht die drei Maßnahmen, die am besten geeignet sind, um den ökologischen Fußabdruck von Kanzleien zu verringern?“ (Multiple Choice). Diese Frage wurde von 58 Personen beantwortet.
6  So zum Beispiel bei GvW und Hogan Lovells.
7  Eine Orientierungshilfe kann zum Beispiel das Grüner Strom Label bieten (https://www.gruenerstromlabel.de//gruener-strom/was-ist-oekostrom/); Detailinformationen zu den Herkunftsnachweisen: https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energi/erneuerbare-energien/herkunftsnachweisregister-hknr#gesetze.
8  Über einen Umzug berichtet zum Beispiel Linklaters London: https://www.linklaters.com/en/about-us/news-and-deals/news/2020/february/linklaters-signs-lease-agreement-for-20-ropemaker.
9  Siehe Fn. 5.
10 Um den dahinterstehenden ethischen Erwägungen gerecht zu werden bleibt in diesem Artikel leider kein ausreichender Platz. Der verlinkte Artikel des Handelsblatts zur Herbsttagung stellt eine Perspektive dar. 
11 Ergebnis der 2021 durchgeführten Umfrage unter Studierenden und Young Professionals. Diese Frage wurde von 58 Personen beantwortet.
12 Ergebnisse der 2021 durchgeführten Umfrage unter Studierenden und Young Professionals. Diese Fragen wurden von 62 Personen beantwortet.
13 Ergebnis der 2021 durchgeführten Umfrage unter Studierenden und Young Professionals. 85,5 % (62 Antworten) wünschen sich, dass Kanzleien sich mehr mit der mentalen Gesundheit ihres Personals auseinandersetzen, mehr als 50 % (57 Antworten) haben den Eindruck, das Thema sei den Kanzleien überhaupt nicht wichtig oder nicht wichtig.
14 Ergebnis der 2021 durchgeführten Umfrage unter Studierenden und Young Professionals. Diese Frage wurde von 48 Personen beantwortet.
15 Antworten auf die Frage der 2021 durchgeführten Umfrage unter Studierenden und Young Professionals „Welche der folgenden Faktoren sind dir bei der Auswahl einer Kanzlei als Arbeitgeber am wichtigsten?“ (Multiple Choice). Diese Frage wurde von 114 Personen beantwortet.
16 Vgl. bereits https://anwaltsblatt.anwaltverein.de/files/anwaltsblatt.de/anwaltsblatt-online/2019-742.pdf.
17 Vgl. nur die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), verfügbar unter https://www.ipcc.ch.
18 Vgl. nur https://www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de/wp-content/uploads/pdf/de/gesundheitsrisiken/warnsignal_klima-gesundheitsrisiken-kapitel-3_1_4.pdf.

 

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