Auch Jurist*innen können gründen! - Ein Weckruf

Nur ca. 2 % aller Gründer*innen haben einen juristischen Hintergrund

Nur ca. 2 % aller Gründer*innen haben einen juristischen Hintergrund (siehe Female Founders Monitor 2020). Das wollen wir ändern! Darum haben wir im September 2020 die Initiative Founders in Law ins Leben gerufen. Mit dieser Plattform schaffen wir Sichtbarkeit für Jurist*innen, die abseits der klassischen juristischen Karrierewege Unternehmen, Initiativen und Organisationen gegründet haben – und fördern die, die es ihnen gleichtun wollen. Für einen innovativeren Rechtsbereich und mehr Diversität im Unternehmertum.

 

Interdisziplinäre Teams arbeiten am Besten

Warum ist es so wichtig, dass sich Jurist*innen auch in Gründungsvorhaben außerhalb der traditionellen Karrierepfade einbringen?

Eine Antwort liefert z. B. das vom Fraunhofer Institut mit Unterstützung des BMBF durchgeführte und 2019 abgeschlossene Forschungsprojekt “Wissensdreieck”. Wie in vielen anderen Studien, kam man auch hier wieder zu dem klaren Ergebnis: Interdisziplinäre Gründer*innenteams sind erfolgreicher, insbesondere dann, wenn alle für die Umsetzung einer Idee notwendigen Personen von vornherein involviert waren. Naturgemäß ist die juristische Perspektive für die Umsetzung jeglicher Innovationsvorhaben immer mitentscheidend, ganz gleich in welcher Branche. Daher dürfte unsere Gesellschaft sowie Deutschland als Wirtschafts- und Gründungsstandort immens davon profitieren, wenn Jurist*innen neue Entwicklungen nicht nur punktuell begutachten, sondern von Anfang an proaktiv mitgestalten.

Auch für die zukunftsfähige Weiterentwicklung der Rechtsbranche selbst braucht es Jurist*innen, die ihre herkömmliche Rolle in unserer Gesellschaft und unserem Wirtschaftssystem neu denken und den Anforderungen unserer globalisierten, vernetzten und digitalen Welt mit innovativen Ansätzen ein Stück weit näherbringen.

 

Warum gründen Jurist*innen so selten?

Die geringe Anzahl an Jurist*innen, die den Schritt ins Unternehmertum wagt, lässt sich - das hat nicht nur eine intensive Diskussion in den sozialen Medien gezeigt, die im Übrigen der Auslöser für Founders in Law gewesen ist - auf verschiedene Ursachen zurückführen. Ein gewichtiger Faktor ist gewiss die juristische Ausbildung, die seit Bismarcks Zeiten im Wesentlichen unverändert geblieben ist. Die Ausbildung schult bekanntermaßen vor allem darin, Probleme und Risiken zu identifizieren, Sachverhalte als gegeben zu nehmen und zu begutachten, anstatt den Rahmen des rechtlich Möglichen ausschöpfend neue Realitäten zu formen. Viele Juristinnen und Juristen konzentrieren sich dadurch verstärkt auf das, was nicht geht - und eben nicht auf das, was man möglich machen kann.

Was das Phänomen weniger Gründer*innen aus dem Rechtsbereich ebenfalls prägt, ist die Tatsache, dass es wenige Jurist*innen gibt, die das Gründen abseits der traditionellen juristischen Karrierewege vorleben. Und wenn es sie gibt, dann sind sie außerhalb ihrer “Bubbles” oft nicht besonders sichtbar.  Es fehlt an Vorbildern. Für viele Absolvent*innen der deutschen Rechtsfakultäten steht fest: Mit einem Jurastudium kann ich Anwält*in, Staatsanwält*in, Richter*in, Unternehmensjurist*in, Beamt*in, Sachbearbeiter*in bei einer Versicherung oder vielleicht selber auch Professor*in werden. Und damit endet die Vorstellungskraft in aller Regel schon.

Nun ließe sich erwägen, dass der Fortschritt im Bereich LegalTech dem Unternermer*innenmangel unter Jurist*innen endlich entgegenwirkt. Und ein Stück weit mag das auch der Fall sein. Doch die derzeit noch recht diffuse Rechtslage rund um die Zulässigkeit von LegalTech-Geschäftsmodellen, deren Ausgestaltung und Möglichkeiten der Finanzierung, bremst die Gründungsbereitschaft an dieser Stelle leider noch stark aus - auch wenn die Entwicklung in den letzten Jahren sehr positiv war.

… und doch gibt es inzwischen viele spannende Vorbilder

Welche Bedeutung Gründer*innen mit juristischem Hintergrund zukommt und welches Innovations- und Kreativpotential sie über die traditionellen Karrierepfade hinaus erschließen können, ist mit einem Blick auf www.foundersinlaw.com schnell zu erkennen. Unter den Gründer*innen, die wir dort inzwischen vorstellen, gibt es eine beachtliche Anzahl, die der Rechtsbranche mit ihrer Arbeit zu einer zeitgemäßeren, zugänglicheren Form verhelfen und ihr damit zugleich eine größere gesellschaftliche Wirksamkeit verleihen. Mit ihren Unternehmen und Unternehmungen fördern unsere Gründer*innen die Digitalisierung von Rechtsdienstleistungen und beraten die Rechtsbranche z.B. in Fragen des Recruitings, des Marketings, der Kommunikation und der (digitalen) Produktentwicklung. Sie coachen, vernetzen, modernisieren, und einige setzen direkt an den Wurzeln der Juristerei an, indem sie die juristische Ausbildung selbst durch einen gezielten Einsatz von Technologien revolutionieren.

Auch über die Rechtsbranche hinaus finden sich beeindruckende Beispiele innovativer Leistungen, wie etwa die Entwicklung algorithmenbasierter personalisierbarer Konsumgüter, ein Infomations- und Motivationsangebot zur Förderung der Gleichberechtigung von Männern und Frauen sowie eine B2B-Plattform, die Unternehmen aus Schwellenländern mit Unternehmen aus Industrieländern zusammenbringt.

Mit Blick auf die Gründung von Spin-Off Kanzleien sehen wir ebenfalls ein immenses Innovationspotential. Diese genießen den Vorteil, ihr Geschäftsmodell von Grund auf neu aufziehen zu können, ohne dafür festgefahrene Hierarchien und Prozesse überwinden zu müssen.

All dies zeigt, dass es - entgegen des auf den ersten Blick Erwartbaren - inzwischen viele spannende Vorbilder von Founders in Law gibt; darüber freuen wir uns sehr.

 

Am Anfang steht das “entrepreneurial Mindset”

Tina Seelig, die Mitgründerin des Entrepreneurship Center an der Stanford University's School of Engineering, bringt das, worum es beim Gründer*innentum geht, in ihrem Buch “Creativity Rules – Get Ideas Out of Your Head and Into the World” auf den Punkt: “The essence of entrepreneurship is about making meaning.”

Das sehen wir genauso. Auf Founders in Law stellen wir daher ganz gezielt auch Initiativen vor, die zwar (noch) nicht in der Gründung eines Unternehmens gemündet sind und trotzdem schon einen bedeutenden Mehrwert stiften. Der Gedanke dahinter: Die Gründer*innen dieser Initiativen legen damit bereits ein “entrepreneurial Mindset”, d.h. einen Gründer*innengeist, an den Tag - eine Eigenschaft, auf die es im Unternehmer*innentum ganz besonders ankommt. Sie haben Bedarfe identifiziert, Ideen entwickelt, wie man diesen begegnen könnte, und einen bedeutenden Mehrwert für andere gegeschaffen, der sich ohne weiteres auch unternehmerisch umsetzen ließe.

 

Wie geht es weiter mit Founders in Law?
Bisher lag der Fokus von Founders in Law darauf, Vorbildern Sichtbarkeit zu verleihen. In einem nächsten Schritt möchten wir mit unseren Gründer*innen hilfreiche Ratschläge rund um den Einstieg in das Unternehmer*innentum teilen. Wir möchten thematisieren, wie Gründen funktionieren kann und was es dabei zu beachten gibt. Dabei wollen wir über rein betriebswirtschaftliche und rechtlichen Aspekte hinaus auch einen Blick darauf werfen, wie sich Ideen entwickeln und praktisch umsetzen lassen, welche Erfahrungen, Fehler und Learnings unsere Gründer*innen gemacht haben und wie sich ihr juristischer Sachverstand in all dem bezahlt gemacht hat. Um am Gründen interessierte Jurist*innen bestmöglich auf ihrem Weg zu unterstützen, möchten wir zudem in einen direkten Austausch mit ihnen treten und auf ihre individuellen Fragen eingehen. Uns erreichen regelmäßig Fragen nach Coaching & Mentorings, Universitäts-Veranstaltungen, einem Hilfsnetzwerk usw. Diese Formatwünsche nehmen wir natürlich ebenfalls in unsere Überlegungen, wie wir mit Founders in Law den größtmöglichen Impact erreichen können, mit auf.

 

Turn your ideas into reality

Das Feedback, das wir in den vergangenen Wochen und Monaten erhalten haben, zeigt uns, dass wir mit Founders in Law schon jetzt einen Nerv getroffen haben. Obwohl wir gerade erst gestartet sind, wurde uns von der ein oder anderen Person bereits mitgeteilt, dass wir sie dazu inspirieren konnten, ihren Ideen Taten folgen zu lassen und ein Unternehmen zu gründen. Eine Followerin meldete sich vor einigen Wochen bei uns, um uns wissen zu lassen, dass sie auf Founders in Law eine Person gefunden hat, mit der sie sich zum ersten Mal so richtig identifizieren konnte: Eine Juristin und Gründerin, die ihr mit ihrem Werdegang vor Augen geführt hat, wie eine sie voll und ganz erfüllende Karriere abseits traditioneller Pfade für sie aussehen könnte. Sie steht nun in einem engen Austausch mit ihr. Das macht uns sehr glücklich.

Wir brauchen mehr Founders in Law!

Wie eingangs beschrieben, ist die Quote der juristischen Gründer*innen, also der Founders in Law, derzeit noch sehr niedrig. Hier haben wir angesetzt und mit unserer Initiative einen ersten Schritt zu mehr unternehmerischer Leidenschaft in der Rechtswelt gewagt. Diesen Weg möchten wir in Zukunft, gemeinsam mit Ihnen und Euch, weitergehen. Wir freuen uns daher über jedes Feedback und jede Diskussion, damit am Ende noch mehr Jurist*innen den Geist des - hier zugegebenermaßen abgewandelten - Juristen Goethes spüren: “Mit dem Unternehmertum ist es wie mit dem Bier, das erste Mal schaudert man, doch hat man’s einmal getrunken, kann man’s nicht mehr lassen.”

Weitere Vorschläge, welche Gründer*innen mit juristischem Hintergrund wir noch bei unseren Founders in Law mit aufnehmen sollten – gerne per Mail an hello(at)foundersinlaw.com.

Die Autorin Lina Krawietz ist Gründerin von This is Legal Design in Berlin; der Autor Dr. Benedikt M. Quarch ist Co-Gründer der RightNow Group aus Düsseldorf. Beide haben im Herbst 2020 die Initiative Founders in Law ins Leben gerufen.

Autor*in

Lina Krawietz, Gründerin (This is Legal Design) und Dr. Benedikt M. Quarch, Co-Gründer (RightNow Group)

Hamburg