Das Potenzial von wissenschaftlicher Legal Technology

Wie die Komplexitätsforschung uns hilft, der zunehmenden Informationsmenge zu begegnen

Digitale Produkte erweitern unsere Handlungsoptionen, schaffen und befriedigen neue Bedürfnisse und verknüpfen die unterschiedlichsten Lebensbereiche. Dabei berühren sie verschiedenste Felder, wie Zahlungsdienstleistungen, Datenschutz, Betrugsprävention, Webentwicklung, Bildung und Buchhaltung. Sie schaffen auf all diesen Feldern Chancen, aber auch Risiken gesellschaftlicher Konflikte, die das Recht als zentrales Steuerungselement der Gesellschaft abbilden muss. Nimmt man noch weitere Makrotrends wie die Globalisierung hinzu, so erscheint es plausibel, dass sich das Recht und mit ihm das Rechtssystem dadurch deutlich verändert.

Der Umfang des kodifizierten Rechts wächst

Dieser Veränderung sind wir vor kurzem in einer Forschungsarbeit aus dem Bereich der quantitativen Rechtswissenschaft nachgegangen. In dem Aufsatz Complex Societies and the Growth of the Law, der in der Zeitschrift Scientific Reports des Verlags Nature Research erschienen ist, haben wir das deutsche und das amerikanische Gesetzesrecht auf Bundesebene über 25 Jahre mit Methoden der Sprachtechnologie und Netzwerkforschung untersucht und ein erhebliches Wachstum festgestellt. Geht man nur nach dem Umfang (gemessen in Tokens, die im Wesentlichen Wörtern entsprechen), so war das deutsche Recht im Jahr 2018 über 1,5 Mal so groß wie 1994: es wuchs von 4,5 Mio auf 7,4 Mio Wörter. Noch stärker wuchs die Zahl der Querverweise zwischen einzelnen Gesetzen: von 77.000 auf 140.000 – oder um den Faktor 1,8. Selbst bei der Anzahl der Strukturelemente, also der Bücher, Abschnitte, Kapitel, Unterkapitel usw. findet sich ein Anstieg um über 30%. Das amerikanische Gesetzesrecht zeigt eine ähnliche Dynamik, allerdings mit einem stärkeren Zuwachs bei den Strukturelementen und weniger bei den Querverweisen. Diese Ergebnisse bestätigen grundsätzlich eine Intuition vieler Praktiker*innen: Es wird schwieriger, in bestimmten Rechtsgebieten den Überblick zu behalten und die zunehmenden Wechselwirkungen unterschiedlicher Regelungen für Mandant*innen herauszuarbeiten.

Zunehmende Informationsmengen führen zu einem steigenden Bedarf an Legal Technology

Insofern schlägt sich auch in der Rechtswissenschaft und -praxis ein genereller Trend zunehmender Informationsmengen nieder, der dadurch verstärkt wird, dass Informationen immer stärker untereinander vernetzt sind. Für Jurist*innen ist das von besonderer Bedeutung, da ihnen gesellschaftlich die Aufgabe zufällt, mit diesem Anstieg juristischer Komplexität umzugehen. Mandant*innen erwarten zu Recht, dass ihre Rechtsberater*innen ihnen dabei helfen, Informationen zu verarbeiten und daraus Handlungsanweisungen abzuleiten oder Risiken zu beziffern.

Wie leicht zu erkennen ist, steigt die Informationsmenge, mit der wir im Recht konfrontiert sind, rapide an. Wenn Anwält*innen mithalten wollen, wird es schon aus Kostengründen nicht genügen, einfach immer mehr Personen damit zu beschäftigen. Vielmehr muss jede*r Einzelne deutlich mehr Informationen pro Zeit verarbeiten können. Gerade hier liegt das eigentliche Potenzial der Digitalisierung von Rechtsdienstleistungen – oder kurz: Legal Technology. Nur indem Rechtsanwält*innen produktiver werden, kann es ihnen gelingen, für ihre Mandant*innen zufriedenstellende Ergebnisse zu produzieren. Dabei spielen grundlegende technische Infrastruktur (Cybersecurity, Cloud oder 5G) und Software zur Prozessunterstützung (wie Contract Lifecycle Management, Case Management oder Abrechnungssoftware) mit Sicherheit eine gewisse Rolle. Entscheidend für eine spürbare Steigerung der Produktivität sind aber Systeme, die beim Verständnis inhaltlicher, rechtlicher Fragen unterstützen und Orientierung bei der Ausarbeitung von Rechtsrat bieten können.

Ansätze für solche Software existieren längst, z.B. in Form juristischer Datenbanken, die riesige Textkorpora aus Gesetzen und Urteilen besser zugänglich und einfacher navigierbar machen. Wie viele Nutzer*innen solcher Tools vermutlich ohne Weiteres bestätigen können, bleiben sie aber hinter generellen Suchmaschinen weit zurück. Und das, obwohl Letztere eine deutlich größere und heterogenere Menge an Informationen erschließen müssen.

Komplexitätsforschung und das Rechtssystem

Ein vergleichbar effizientes Ineinandergreifen unterschiedlichster Komponenten gibt es im Rechtssystem nicht. Oft wird die Unvorhersehbarkeit mit einem Schulterzucken hingenommen oder als notwendige Folge der menschlichen Natur des Systems (“Vor Gericht und auf hoher See…”) akzeptiert. Recht sei eben nicht so messbar und formalisierbar, dass es ähnlich effizient mit technischen Hilfsmitteln bearbeitet werden könne wie andere Materien. Genau hier setzt quantitative Rechtswissenschaft an, indem sie den Status quo anders deutet: Ja, Recht ist komplex; das Rechtssystem ist ein komplexes adaptives System. Das führt aber nicht dazu, dass es keine Produktivitätsgewinne geben kann. Vielmehr verstehen wir das System und seine Wechselwirkungen nur noch nicht gut genug, um das volle Potenzial digitaler Werkzeuge ausschöpfen zu können.

Mit der Komplexitätsforschung und ihrer Anwendung auf soziale Systeme besteht ein ausreichendes theoretisches Fundament für weitere Erkenntnisse. Aus anderen Wissenschaften wissen wir, dass bestimmte Werkzeuge dabei helfen können, diese Systeme besser zu verstehen. Die Schwierigkeit liegt nun darin, Recht auf eine Art und Weise zu verstehen, die eine Anwendung dieser Methoden (z.B. der Netzwerkforschung oder der agentenbasierten Modellierung) ermöglicht.

Anwendung der Komplexitätsforschung

Dazu leistet die erwähnte Veröffentlichung einen Beitrag, indem sie ein Datenmodell für Netzwerke aus juristischen Dokumenten wie beispielsweise Gesetzessammlungen entwickelt. Dadurch werden juristische Materialien als Forschungsfeld für die genannten Methoden erschlossen. Ist erst einmal sichergestellt, dass die Informationen die richtige Form haben, lassen sich auch aus juristischer Perspektive unmittelbar interessante Erkenntnisse gewinnen. So haben wir etwa festgestellt, dass die Organisation von gesetzlichen Regeln in einzelne Titel des U.S. Code bzw. Kategorien des Fundstellennachweises in Deutschland der regulatorischen Wirklichkeit nicht ausreichend Rechnung trägt. Eine unglaubliche Menge an Verweisungen über diese Ordnungskategorien hinweg führt aktuell dazu, dass es mit großem Arbeitsaufwand verbunden ist, überhaupt alle anwendbaren Vorschriften zu ermitteln. Technisch ausgedrückt ist die Navigation in dem Netzwerk, das die einzelnen Regeln bildet (bzw. auf dem diesem Netzwerk zugrundeliegenden mathematischen Objekt, einem Graphen), aufwändig. Mit dieser Erkenntnis haben wir die Gesamtheit aller Regeln neu gruppiert und dabei insbesondere berücksichtigt, welche Vorschriften und Vorschriftengruppen durch Verweisungen besonders stark untereinander verbunden sind. Das angewandte Verfahren (Clustering) ist nachvollziehbar und kann mit unterschiedlichen Parametern z.B. zum Gewicht einzelner Verweisungen oder der Bedeutung der Zugehörigkeit zum selben Gesetz, Abschnitt oder Kapitel durchgeführt werden. Es ist außerdem informationstheoretisch fundiert, optimierbar und damit hoffentlich insgesamt effizienter und für Anwält*innen produktiver als historisch festgelegte Taxonomien wie der U.S. Code.

Relevanz für die Praxis?

Das erscheint auf den ersten Blick weit von der Praxis entfernt. Es führt aber beispielsweise zu der Einsicht, dass das von uns gefundene Wachstum nicht gleichmäßig verteilt ist. Vielmehr sind es vor allem Regelungen aus dem Sozial- und Steuerrecht, aber auch aus der Finanzmarktregulierung, die einen deutlich überdurchschnittlichen Teil des Wachstums ausmachen. Dies inhaltlich zu ermitteln wurde angesichts der Menge an Gesetzestexten erst möglich, indem die Cluster mit Methoden der Sprachtechnologie untersucht wurden. Dadurch konnten anhand der Überschriften der relevanten Strukturelemente die charakteristischen Themen ermittelt und schließlich von einzelnen Rechtswissenschaftler*innen ausgewertet werden. Mit anderen Worten: Durch den Einsatz von Technologie konnte die Aufgabe soweit strukturiert und vorbereitet werden, dass schließlich einzelne Jurist*innen in der Lage waren, ein Wachstum von vielen Millionen Wörtern über einen Zeitraum von 25 Jahren zufriedenstellend inhaltlich bestimmten, neu gebildeten Regelungsmaterien zuzuordnen. Das war nur möglich, weil auf keiner einzelnen Ebene Unsicherheit darüber bestand, wie die Analysewerkzeuge funktionieren und kombiniert werden können. Soweit Unsicherheiten und Schwankungen auftreten konnten, war es möglich, deren Ausmaße zu ermitteln und ihre Relevanz für das Ergebnis mit Hilfe von Robustheits- und Sensitivitätsanalysen genauer zu verstehen.

Die Erkenntnisse sind außerdem anschlussfähig und erweiterbar. In weiteren Projekten können etwa neue Dokumententypen wie Verordnungen oder Gerichtsurteile zum Netzwerk hinzugefügt und bei der Auswertung berücksichtigt werden. Dank einer vollständigen Dokumentation des Codes und der Daten können andere Forschungsgruppen auf unserer Arbeit aufbauen und Teile der weiteren Analyse übernehmen.

Schließlich lassen sich unsere Erkenntnisse unmittelbar für die Praxis fruchtbar machen, etwa, indem Charakteristika einzelner Normen, z.B. deren Stellung im Netzwerk, zur Sortierung von Suchergebnissen, z.B. bei der juristischen Recherche, berücksichtigt werden. Weiter ist beispielsweise denkbar, dass bei der Suche nach einer bestimmten Norm auch gleich jene weiteren vorgeschlagen werden, die  –  möglicherweise über mehrere Zitierschritte  –  mit dieser verbunden sind. Etwas größer gedacht kann das tatsächliche Umfeld einer einzelnen Norm ermittelt und im Gesetzgebungsprozess besser berücksichtigt werden. So könnte man etwa simulieren, wie die Ergänzung oder Entfernung bestimmter Regelungen das regulatorische Regime bestimmter Tätigkeiten insgesamt verändert – oder aufzeigen, welche Normen bei einer geplanten Reform gemeinsam geändert werden müssen.

Insgesamt bestehen gute Chancen, steigender juristischer Komplexität mit Erkenntnissen aus interdisziplinär betriebener, quantitativer Rechtswissenschaft zu begegnen. Dadurch können Rechtswissenschaftler*innen das Recht und dessen System noch besser verstehen und Praktiker*innen sich darin besser zurechtfinden. Dieses Potenzial von Legal Technology wird derzeit leider noch kaum ausgeschöpft. Damit sich das ändert, müssen mehr Jurist*innen den Nutzen von Technologie erkennen. Dazu ist lebenslanges Lernen unabdingbar. Aus diesem Grund und in Reaktion auf die Corona-Pandemie bietet die Bucerius Law School in diesem Jahr zum zweiten Mal den Massive Open Online Course Bucerius Legal Tech Essentials.

Dirk Hartung, Janis Beckedorf und Corinna Coupette. Dirk ist Executive Director des Centers for Legal Technology and Data Science der Bucerius Law School. Janis ist Doktorand im Promotionskolleg "Digitales Recht" der Juristischen Fakultät der Universität Heidelberg. Corinna ist Research Associate am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken. Alle sind Mitglieder der Forschungsgruppe Legal Data Science am Center for Legal Technology and Data Science.

Autor*in

Dirk Hartung, Janis Beckedorf und Corinna Coupette

NEWSLETTER

Der "Newsletter der Bucerius Law School" informiert ca. zweimonatlich über Neuigkeiten aus der Bucerius Law School und Termine.

Hamburg