Dialog über psychische Gesundheit: „Deutschland, wir müssen reden. Miteinander."

Auftaktveranstaltung des Studium generale und der Stiftung Dialogstark

Zum Auftakt der Stiftung „Dialogstark“, trafen sich am 04. November 2020 die Gründerin der Stiftung Dr. Mirriam Prieß, die Studierendenvertreterin der Bucerius Law School Hannah Kölle, der Autor und Manager Prof. Dr. Rüdiger Striemer und der Unternehmer sowie Ex-Fußball-Nationaltorwart Rene Adler im Moot Court der Bucerius Law School, um, moderiert von Alexander Bommes, in den Dialog über psychische Gesundheit zu treten. Die Veranstaltung wurde von hunderten Zuschauer*innen im Livestream verfolgt.

Sich rechtzeitig die richtigen Fragen stellen


Wer bin ich, was ist mein Leben und wie geht eigentlich Beziehung? Wichtige Fragen, die wir uns Frau Dr. Mirriam Prieß zufolge rechtzeitig stellen sollten, und zwar „bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist“ und man bemerkt, dass man ein Leben lebt, das nicht seins ist. Bereits junge Erwachsene würden mittlerweile psychosomatische Symptome zeigen, überfordert in einer Lebensphase der Selbstfindung. Entfremdung und das Gefühl nicht man selbst zu sein würden in Verzweiflung, Frust und Burnout enden. Im Grunde gehe es um Beziehungen. Wir stehen ständig in Beziehung, ob mit dem System, mit dem Leben, Mitmenschen oder uns selbst. Prieß ist der Meinung, dass wenn Beziehung gelingt, auch das Leben gelingt. Doch wie gelingt Beziehung und welche Rolle spielt Dialog im Zusammenhang mit psychischer Krankheit?

Offenheit macht vieles einfacher


„Mental Health auf die Tagesordnung rücken“. Sowohl im Studium als auch im Beruf, im Leistungssport und im näheren Umfeld spiele psychische Belastung eine Rolle, nur der Umgang mit ihr sei stets verhalten. Professor Dr. Rüdiger Striemer appelliert hier an die Offenheit. Eine psychische Erkrankung, wie er sie selbst erlebt hat, sei an sich schon belastend genug und müsse nicht auch noch mühsam zu verstecken versucht werden. Auch Prieß steht durch und durch für Austausch. Da das System auf uns und wir auf das System wirken, sei es notwendig darüber zu sprechen, was wir sind und was wir eben nicht sind.

Warum herrscht im Moment eigentlich so ein Chaos?


Hohe Burnout und Scheidungsraten, nahende Katastrophen wie die jederzeit präsente Klima-Krise, kein Wunder also, dass es uns schlecht geht? Wer zu lange in einem kranken System lebe, leide irgendwann darunter, so Prieß. Probleme müssten von Anfang an besprochen werden und nicht verschleppt, bis es weh tut. Striemer meint, wir würden an der Komplexität dieses Systems scheitern. Die Welt sei schlicht und einfach zu komplex geworden, als dass man ihre Probleme mit einfachen Lösungen bewältigen könnte. Vielmehr müsse man sich diese Tatsache eingestehen, um damit umgehen zu können. Auch im Studienkontext sieht Hannah Kölle eine nicht zu bewältigende Komplexität. Viele Studierende seien so tief in ihrer Schiene drin, im immer weiter machen, dass sie die eigentliche Überforderung erst bemerken würden, wenn es längst zu spät ist. Von Höchst- auf Tiefleistung. Auch im Leistungsfußball könne man solche Tendenzen erkennen. Rene Adler persönlich habe im Stress der Vorbereitung auf die WM 2010 so viel gegeben, dass er im Endeffekt mit zwei Rippenbrüchen nicht an der WM teilnehmen konnte.

Und wie kommen wir da wieder raus?


Prieß zufolge ist es wichtig, ein Gespür für die eigene psychische Kapazität zu bekommen. So könne auch verhindert werden, dass sich psychische Probleme in physischen Symptomen, wie damals bei Rene Adler, äußern. Sich das richtige Umfeld zu suchen stelle ebenfalls eine essenzielle Station auf der Reise zu sich selbst dar und erfordere Mut. Es gehe um Augenhöhe und Respekt sowie um offenen Austausch. Mentale Gesundheit müsse, so Hannah Kölle, im Alltag normalisiert werden und dies passiere dadurch, dass wir darüber sprechen. Was neben dem Gespräch mit anderen nicht zu kurz kommen sollte, ist allerdings der Dialog mit uns selbst. Prieß rät, ab und zu die eigene Intuition zu testen indem man in sich hineinhorcht und sich fragt: „Ist alles gut? Bin ich, wer ich bin? Wer bestimmt gerade mein Leben? Ich oder doch andere?

Infolge der aktuellen Thematik erfreuten sich die Veranstaltung einer partizipationsfreudigen Zuschauerschafft, die von der Menge her das Auditorium gefüllt hätte. Trotz der momentanen Zeiten gilt es also im Austausch zu bleiben und „sprich es aus“ zu praktizieren.

Autor*in

Paula Bluck, Studentische Hilfskraft ZSP

Hamburg