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03.07.2015

Ein Musterbeispiel für Aufklärung

Hat Deutschland die Nazizeit intellektuell überwunden?

Vor 70 Jahren endete das „Dritte Reich“ und mit ihm das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Angetrieben von dem Bestreben, etwas Ähnliches in Deutschland nie wieder passieren zu lassen, ist seither viel Aufklärungsarbeit geleistet worden – sowohl von staatlicher als auch von privater Seite. Doch sind wir uns unserer historischen Verantwortung wirklich schon vollumfänglich bewusst?

Unter dem Titel „DEUTSCHLAND 1945|2015: Wissenschaftlich aufgeklärt? Vom Historikerstreit zu den Historikerkommissionen“ fand am 10.06.2015 die letzte Veranstaltung dieser Reihe statt, die vom Studium generale in Kooperation mit der ZEIT-Stiftung “Ebelin und Gerd Bucerius“ organisiert wird.
Wie gewohnt unter der Moderation von Ralph Bollmann, Korrespondent für Wirtschaftspolitik bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, fanden sich dieses Mal die Historiker Professor Dr. Martin Sabrow (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) und Dr. Per Leo (Schriftsteller, Humboldt-Preisträger) auf dem Podium ein.

Sabrow hielt fest, dass das uns heute bekannte Ausmaß der betriebenen Aufklärung in den Nachkriegsjahren keinesfalls selbstverständlich gewesen sei. Vielmehr waren diese Jahre geprägt von intellektueller Verdrängung, vor allem durch Nazikader, die häufig erfolgreich versuchten, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Aber auch „normale Bürger“ seien stets bemüht gewesen, so schnell wie möglich zum Alltag zurückzukehren, statt gleich der Auseinandersetzung Platz einzuräumen.
Leo berichtete aus der Recherchearbeit zu seinem zuletzt erschienenen Buch, in dem er sich mit der Nazi-Vergangenheit seines Großvaters auseinandersetzte.
Er betonte, dass es abseits von den bekannten Literaten wie Grass oder Böll, die sich kritisch mit dem „Dritten Reich“ auseinandergesetzt haben, auch eine Menge unbekannterer Antifa-Literatur gegeben habe, der auch ein großer Teil der geleisteten Aufklärungsarbeit zu verdanken sei.

Im Anschluss diskutierte das Podium mit dem Publikum die Frage, ob der Status als „geschichtlich aufgeklärteste Gesellschaft der Welt“ den Deutschen gegenüber anderen Gesellschaften, wie beispielsweise der türkischen, eine unnötige Arroganz verleihe. Zudem problematisierte ein Teilnehmer die Verdrossenheit, die gerade Jugendliche ob der schieren Fülle von Konfrontationen mit der Nazizeit erfülle.

Pablo Cardenal (Student)