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16.12.2015

Erste Zwischenbilanz von der Frau an der Spitze

Vor drei Monaten hat Professor Dr. Dr. h.c. mult. Katharina Boele-Woelki (59) ihr Amt angetreten. Zeit für einen kurzen Rückblick und um über nächste Schritte, die Niederlande und Musik zu sprechen.

Professor Dr. Dr. h.c. mult. Katharina Boele-Woelki, Präsidentin der Bucerius Law School.

Bestimmt ist für Sie alles noch ganz frisch und neu. Was war denn Ihr erster Gedanke, als Sie von dem Jobangebot erfuhren?

Katharina Boele-Woelki (schmunzelt): Meint sie mich? Ein Headhunter teilte mir in einer Mail mit, dass es um die Nachfolge des Präsidenten der Bucerius Law School gehe und sie mit mir reden wollte. Ich fragte mich, 'hm, welche Namen nenne ich ihr, wen kann ich mir an dieser Stelle vorstellen?' Erst nach einigen Minuten fiel bei mir der Groschen und mir wurde bewusst, dass ich gemeint war. Das hat mich sehr gefreut. Obwohl ich glücklich war mit dem, was ich tat und wo ich war, ließ ich mich auf das Verfahren ein. Immerhin gilt die Bucerius Law School als eine der besten juristischen Hochschulen Deutschlands mit ganz tollen, ausgewählten und engagierten Studierenden. Das Angebot war eine große Ehre.


… und die Position ist sehr verantwortungsvoll.

Oh ja. Auch wenn ich von einer Universität komme, die zehnmal größer ist als diese und ich dort viel Anerkennung und Freiheit hatte, so arbeitete ich dort nicht in der Leitung.


Wie verlief Ihr bisheriges berufliches Akademikerleben? Sie gingen 1982 direkt nach dem Jura-Studium in Göttingen und Berlin in die Niederlande?

Richtig. 1982 fing ich als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am T. M. C. Asser Instituut in Den Haag an, benannt nach dem Friedensnobelpreisträger Tobias Michael Carel Asser. 1990 wechselte ich als Dozentin an die juristische Fakultät der Universität Utrecht und bereitete mich auf die Professur vor. Ab 1995 lehrte und forschte ich dort als Professorin für Internationales Privatrecht, Rechtsvergleichung und Familienrecht. Neben meiner Lehrtätigkeit leitete und betreute ich viele Forschungsprogramme und Promotionen und stand dem Fachbereich Privatrecht zwischen 1995 und 2012 drei Mal für jeweils zwei Jahre vor.


Sie haben sich dem Familienrecht verschrieben, promovierten mit einer Arbeit über „Die Effektivitätsprüfung der Staatsangehörigkeiten im niederländischen internationalen Familienrecht“ an der Freien Universität Berlin. Kam das aus privatem Interesse?

Nein, aus reiner Neugier und weil damals auf dem Gebiet eine große Lücke in der Rechtslage klaffte. Ich selber bin verheiratet, habe drei erwachsene Töchter und habe stets gearbeitet, insofern gab es da auch ein ganz lebenspraktisches Motiv. An der Universität Utrecht beschäftigte ich mich allerdings anfangs mit internationalem Vertragsrecht und publizierte dazu. Das taten meine direkten Kollegen auch. Also habe ich überlegt, wo ich mich spezieller aufstellen konnte. Zum europäischen Familienrecht gab es Ende der 1990er Jahre wenig Forschung. Suchte man danach im Internet, fand sich nicht viel. Über Umwege kam ich so wieder zum Familienrecht und habe vergleichend angefangen zu untersuchen, wo es Übereinstimmungen und Unterschiede gibt, wie zum Beispiel im Bereich der gleichgeschlechtlichen Beziehungen, dem Unterhalt bei getrennt lebenden Ehegatten usw. Diese rechtsvergleichende Forschung hatte auch ganz praktische Auswirkungen im Hinblick auf die Angleichung der Familienrechtssysteme in Europa. Im Jahr 2007 gründete ich das Utrecht Centre for European Research into Family Law (UCERF), zuvor, 2001, die Commission on European Family Law, deren Vorsitzende ich bin. Die Kommission besteht aus rund 30 Experten. In den roten und gelben Bänden hinter mir (zeigt auf zwei Regalreihen) ist unsere Arbeit dokumentiert.


Bisher bestand Ihr beruflicher Alltag aus Forschen und Lehren. Und jetzt?

Mache ich vorläufig eine Pause von der Lehre, habe jedoch noch eine unbesoldete Professur in Utrecht und Doktoranden dort, die ich betreue. Nach wie vor leite ich zudem die Kommission für europäisches Familienrecht. In erster Linie bin ich jetzt jedoch Präsidentin der Bucerius Law School. Als solche stehen für mich viele repräsentative Verpflichtungen an. Meine Tage sind gut ausgefüllt, mit Gesprächskreisen, Vorträgen, Veranstaltungen. In den letzten drei Monaten habe ich rund 50 Gespräche geführt. Ich habe mit allen Professoren der Hochschule geredet, mit Abteilungsleitern, Mitarbeitern, Kuratoren und dem Senat, um mir einen Überblick zu schaffen.


Wie lautet das Fazit?

Ich kann gut dort anknüpfen, wo meine Vorgänger und meine Vorgängerin aufgehört haben. Das Außenbild der Bucerius Law School ist ausgesprochen positiv, der Grundtenor sehr, sehr gut, intern kommen ein paar Anliegen. Die Digitalisierung der Lehre ist ein großes Thema.


Steht dies auf Ihrer Agenda?

Ja. Andere Hochschulen haben in dieser Hinsicht auch tolle Ideen. Wir stehen in Konkurrenz zueinander und brauchen einen Plan. Außerdem finde ich, sollte ein stärkerer internationaler Austausch in der Forschung und Lehre stattfinden, nicht nur bei Professoren, sondern auch bei wissenschaftlichen Mitarbeitern und Doktoranden. Ich möchte, dass unsere Forschung sichtbarer wird. Alle Dissertationen sollten beispielsweise auch eine Zusammenfassung in englischer Sprache enthalten. Das ist für die Kommunikation nach außen wichtig. Doktorarbeiten sind ein Aushängeschild.


Gibt es Unterschiede zwischen der deutschen und niederländischen Wissenschaftskultur?

Ja und nein. Was die Digitalisierung betrifft, so werden zum Beispiel an der Universität Utrecht Vorlesungen auf Video nachbereitet. Ein Dozent fasst noch mal die wichtigsten Aspekte zusammen. Ganze 850 von 900 Studierende sehen sich das an. Generell geht es in Deutschland formaler zu als in den Niederlanden. Dort existieren flache Hierarchien, jeder duzt jeden, sogar die Studierenden manche Professoren. Mich nicht, das wollte ich nie. (Sie lacht.) Ich bin ja auch schon älteren Datums.


Was schätzen Sie besonders an der Bucerius Law School?

Die Studierendenvertretung wie der Alumni-Verein sind großartig. Die Räder der Verwaltung, die ineinander greifen, sind gut abgestimmt. Alles läuft schnell und geschmeidig. Und es gibt Veranstaltungen, die deutsche und internationale Studierende prima zusammenführen. Sehr, sehr schön fand ich das Trimesterkonzert im November. Es waren viele ausländische Studierende mit im Chor, im Orchester und in der Bucerius Big Band. Ich selber spielte in Koblenz, wo ich aufwuchs, Geige und war die Konzertmeisterin im Jugendorchester mit 60 Musizierenden. Die Liebe zur Musik ist geblieben.


… und zur Stadt? Sie haben zuvor in Rotterdam gewohnt. Sind Sie in Hamburg "angekommen"?

Mein Mann und ich pendeln. Er lebt weiterhin in unserer Wohnung am Wasser in Rotterdam. Ich ziehe demnächst in die Hafencity. Hamburg kannte ich schon zuvor durch das Max-Planck-Institut. Genau wie Rotterdam ist Hamburg eine schöne Hafenstadt. Ich bin aus voller Überzeugung hierhergekommen. Es gibt noch so vieles zu entdecken, und es warten spannende Aufgaben auf mich.

Interview: Anja Reinbothe-Occhipinti, freie Journalistin