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20.01.2016

"Europa braucht einen Putsch!"

Gedanken zum Tod von Helmut Schmidt - Ein Artikel aus der aktuellen "Politik und Gesellschaft" (PuG)

Jetzt ist Helmut Schmidt tot. Darauf war ich vorbereitet, denn in seinem letzten Fernsehgespräch mit Maischberger hatte er gelassen erklärt, seinen hundertsten Geburtstag werde er nicht mehr erleben. Aber er wird mir fehlen. Sein letztes Lebensjahrzehnt entspricht ungefähr dem Zeitraum, in dem ich das zu entwickeln begonnen habe, was man hochtrabend politisches Denken nennt. Und dieser alte Mann – mag er nun auch im Chor ein "Großer Deutscher" oder "Jahrhundertmann" genannt werden – hatte darauf erstaunlich großen Einfluss, bis zuletzt.

Zum Beispiel erschien "Auf eine Zigarette" während meiner letzten Schuljahre. Donnerstags nach Stunden sinnlosen Unterrichts die launigen Gespräche nachzulesen, lieferte mir endlich den bedeutungsschweren Stoff zum Nachdenken, auf den ich wartete. Weil dort einer auf einen persönlichen Fundus Weltgeschichte zurückgreifen konnte und nicht davor zurückscheute, weit auszuholen. Bisweilen selbstgerecht, unterm Strich viel zu konservativ. Doch die Bühne, die man ihm bot, zu nutzen wissend, und mit Lust weite Bögen spannend. Das Meiste fand ich einleuchtend; was ich ablehnte, schärfte wenigstens mein Bewusstsein.

Solchen Stoff liefern nicht allzu viele. Unter den Lebenden vielleicht Wagenknecht, oder Varoufakis, neuerdings regelmäßig der Fischer im Recht. Scholl-Latour ist schon gegangen. Ansonsten kaum ernsthafte, wahrhaftige Stimmen wie seine.

Zu Maischberger sagte er, als Offizier habe er seine Pflicht getan. An diese Pflicht kann ich nicht glauben. Aber vielleicht war eine tief im Innern empfundene Schuld unser aller Glück: "Europa braucht einen Putsch!". So steht es an meiner Pinnwand neben einem Foto seines greisen Gesichts, ausgeschnitten aus der "Zeit" vom 28.11.2013 - da war er schon 94. Wegen solcher Ideen fühlte ich mich mit ihm mehr verbunden, als mit den meisten der zwischen uns Geborenen. Er, dem man den Satz mit den Visionen und dem Arzt nachsagt, hatte in Wirklichkeit selbst einige großartige. Und mich hat er zu vielen eigenen gebracht, für die ich kämpfen will.

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Jan Schürmann