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22.02.2017

Jura – und dann? Wissenschaftler.

Er ist der erste Absolvent der Bucerius Law School mit einer Professur. Eine große Portion Mut, Zielstrebigkeit und glücklicher Zufall verhalfen Prof. Dr. Benjamin Raue dazu. In der "Coffee Lounge" erzählte er bei einem Espresso, wie der Weg dorthin war.

Herr Raue, seit Oktober 2016 sind Sie Inhaber einer Professur an der Universität Trier. Fühlen Sie sich beruflich am Ziel Ihrer Träume?

Ja, würde ich sagen. Ich habe eine Position erreicht, an der ich lehren und gestalten darf. Das war genau mein Wunsch und ist das Besondere an einer wissenschaftlichen Karriere – beides miteinander verbinden zu können. Nun geht die Arbeit aber erst richtig los. Ich werde in Trier den Lehrstuhl Zivilrecht, Geistiges Eigentum und Recht der Informationsgesellschaft leiten. Letzteres beinhaltet Internetrecht und alle Fragen der digitalen Vernetzung. Das ist genau das, was ich machen wollte und womit ich mich die letzten Jahre befasst habe. Diesen Bereich gab es bisher nicht in Trier. Ich kann also einen ganz neuen Lehrstuhl aufbauen. Mit studentischen Hilfskräften ist das ein Team von sieben bis acht Leuten. Durch meine Zeit an der Universität Kiel und meine Doktorarbeit zur „Nachahmungsfreiheit nach Ablauf des Immaterialgüterrechtsschutzes“ kenne ich mich in diesem Bereich aus und weiß, was zu tun ist. Über meine Forschungsergebnisse in Trier werde ich Aufsätze schreiben und Vorträge halten und auf diese Weise in die Gesellschaft hineinwirken können.

Inwiefern?

Wissenschaftler greifen Gedanken auf, die in Gerichtsentscheidungen zitiert werden. Mit etwas Glück lesen Mitarbeiter in Ministerien dann diese, wenn sie Gesetze ändern oder neu verfassen. Nicht nur innerdeutsch möchte ich künftig mitgestalten, sondern auch über die Landesgrenze hinaus. Trier liegt unweit von Luxemburg, vielleicht ergibt sich die Chance, mit Richtern am Europäischen Gerichtshof in einen Dialog zu kommen. Die europäische Integration bringt viele Vorteile. Ich wünsche mir, dass sie klappt und möchte dazu beitragen. Der Brexit war ein tragisches Missgeschick, hoffe ich.

Wann haben Sie gemerkt, dass die wissenschaftliche Karriere für Sie richtig ist?

Während meiner Promotion am Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Internationales Privat- und Zivilprozessrecht sowie Urheberrecht von Prof. Dr. Schack an der Universität Kiel. Dorthin bin ich nach meinem Jurastudium an der Bucerius Law School gegangen. Während ich promovierte, hat mein Doktorvater für eine wissenschaftlichen Karriere geworben. Ich habe erkannt, dass sie Freiheit und Abwechslung gleichermaßen bietet, denn ich kann sowohl vor anderen stehen und lehren als auch in meinem stillen Kämmerchen sitzen und für mich arbeiten. Beides mache ich gerne.

Ab dem Zeitpunkt wussten Sie, wohin der Weg geht?

Ja und nein. Nach meiner Promotion habe ich dennoch erstmal ein Referendariat am Oberlandesgericht Hamburg gemacht, danach das zweite Staatsexamen. Anschließend habe ich ein halbes Jahr als Anwalt gearbeitet. Ich wollte herauszufinden, was ich wirklich möchte. Einen Posten als Richter hätte ich mir auch gut vorstellen können. Das selbstbestimmte Arbeiten fehlte mir aber bei all den Tätigkeiten, und das gab letztendlich den Ausschlag für das wissenschaftliche Arbeiten.

Hat Sie das Unbekannte, mit dem eine wissenschaftliche Karriere behaftet ist, nicht abgeschreckt?

Natürlich. Man arbeitet sich fünf bis sechs Jahre ab und dann weiß man nicht, ob man am Ende überhaupt eine Stelle bekommt. Das ist das Risiko. Ich wollte es trotzdem versuchen. Sonst hätte ich wohl immer der Chance nachgetrauert. Es zeichnete sich dann ab, dass Bewegung in den Markt kommt. Prof. Dr. Schack fragte mich, ob ich meine Habilitation in einem halben Jahr schaffen würde. Ich bejahte. Meine Zielstrebigkeit half mir dabei – und auch das Wissen darüber, dass eine wissenschaftliche Laufbahn das ist, was ich will.

Sie hatten Glück. Es hat geklappt.

Stimmt. Schlussendlich kann ich sagen, dass meine wissenschaftliche Laufbahn das Produkt eines glücklichen Zufalls ist. Denn ich bin Prof. Dr. Schack hier an der Bucerius Law School auf einem Kunstrechtssymposium begegnet. Und auch dass ich an dieser studiert habe, war glückliche Fügung. Ich wusste, ich möchte an eine kleine Uni gehen. Als ich mir dann die Bucerius Law School angeschaut habe, bin ich hilfesuchend durchs Gebäude gelaufen. Ein Mitarbeiter hat mich gesehen und freundlich gefragt, ob er mir weiterhelfen könnte. Er führte mich eine halbe Stunde rum, erzählte ausführlich und meine Entscheidung stand fest. So nahmen die Dinge ihren Lauf.

Hat auch die Ausbildung an sich an der Hamburger Juristenhochschule zu Ihrer Karriereentscheidung beigetragen?

Ja, das hat sie. Recht fand ich grundsätzlich spannend, ich konnte mir ganz zu Anfang jedoch auch vorstellen, beruflich in die Wirtschaft zu gehen. Ich komme aus keiner Juristenfamilie. Als Jugendlicher habe ich aber Erfahrungen gemacht, was rechtlich alles vorgegeben ist. Daraufhin wollte ich das Recht verstehen und zudem logisches Denken ausbilden. Ich dachte immer, Jura sei auswendig lernen. Das bestätigte mir auch ein ehemaliger Jurastudent, den ich vor dem Studium bei einem Praktikum kennengelernt hatte. Die Bucerius hat mich eines Besseren belehrt. Sie hat mir vermittelt, hinter die Norm zu blicken und dass Jura Konfliktlösungsmanagement ist, für das man die jeweils normierten Lebensbereiche verstehen muss. Das Studium hat mir großen Spaß gemacht, was auch an meinen Professoren lag. Sie haben mich nachhaltig beeindruckt. Gut fand ich außerdem, dass unter den Kommilitonen intensiv diskutiert wurde.

Website von Prof. Dr. Benjamin Raue an der Universität Trier...

Interview: Anja Reinbothe-Occhipinti