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25.02.2016

Notarrechtliches Zentrum Familienunternehmen: Ideenschmiede für Wissenschaft, Berater und Unternehmen

Seit Juli 2012 existiert das Notarrechtliche Zentrum Familienunternehmen (NZF) an der Bucerius Law School, an dem die Deutsche Notarrechtliche Vereinigung e.V., die Hamburgische Notarkammer sowie die Johanna und Fritz Buch Gedächtnis-Stiftung mitwirken. Fünf Vertreter kamen nun zum Gespräch und erzählten, was es mit dem spezifischen Fokus auf sich hat und weshalb die Hochschule mal wieder den richtigen Riecher bewiesen hat.

V.l.n.r.: Jens Prütting, Anne Röthel, Axel Pfeifer, Karsten Schmidt, Axel Adamietz

Die erste Frage, die sich mir sofort stellt: Was hat es mit der notariellen Ausrichtung des Zentrums auf sich?

Notar Dr. Axel Pfeifer (Vizepräsident der Hamburgischen Notarkammer und Geschäftsführender Vorstand der Johanna und Fritz Buch Gedächtnis-Stiftung): In Familienunternehmen müssen Rechtsfragen geklärt werden. Diese stammen hauptsächlich aus den Bereichen Gesellschafts-, Familien- und Erbrecht.

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Karsten Schmidt (Direktorium NZF und Lehrstuhl für Unternehmensrecht an der Bucerius Law School): All das sind Kernkompetenzen der Notare.

Rechtsanwalt und Notar Axel Adamietz (Präsident der Bremer Notarkammer, Mitglied des Vorstands der Deutschen Notarrechtlichen Vereinigung): Täglich geht jeder von uns Verträge ein, ob mündlich oder schriftlich, im Bus oder beim Bäcker. Familienunternehmen müssen sich mit einer bestimmten Art von Verträgen beschäftigen und benötigen dabei Unterstützung, häufig die eines Notars. Anders als in der Betriebswirtschaftslehre haben Familienunternehmen in der Rechtswissenschaft bisher nur wenig Beachtung gefunden. Dabei sind sie mit einem Anteil von über 90 Prozent aller Unternehmen das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.


Und weil hier rechtlicher Nachholbedarf bestand, wurde das Notarrechtliche Zentrum Familienunternehmen ins Leben gerufen?

Axel Pfeifer: Genau, um juristische Fragen in den wichtigen Familienangelegenheiten klären zu können. Mit dem Zentrum wird die besondere Leistungsfähigkeit der Bucerius Law School mit dem wissenschaftlichen Anliegen der Notarschaft verknüpft. Die Hochschule hat mit der Zusammenführung von Wissenschaft und Praxis in diesem Umfeld mal wieder den richtigen Riecher bewiesen. Zudem bot sie sich als Standort gut an, da sie in Hamburg ansässig ist. In der Hansestadt gehört familiäres Unternehmensrecht traditionell zum notariellen Alltagsgeschäft. Deshalb kam der Impetus zur Gründung des Zentrums stark von der Seite der Notare. Immerhin haben sie die Bedürfnisse der Betroffenen im Fokus.

Prof. Dr. Jens Prütting (Direktorium NZF sowie Inhaber der Gebrüder Heinemann-Juniorprofessur "Recht der Familienunternehmen" an der Bucerius Law School): Eines sollte bei allem beachtet werden – wir sind kein Rechtsdienstleister. Diese Funktion erfüllen nach wie vor die Notare. Das Zentrum ist eine rein wissenschaftliche Einrichtung, die notarrechtliche Fragen klärt. Es ist immer da, aber nicht immer sichtbar. Das Forschungsfeld der Familienunternehmen war, bevor es unser Zentrum gab, aus rechtswissenschaftlicher Perspektive noch wenig bearbeitet.


Wie sieht Ihre aller Arbeit aus für das Zentrum?

Prof. Dr. Anne Röthel (Direktorium NZF sowie Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Europäisches und Internationales Privatrecht an der Bucerius Law School): Wir verstehen uns als eine Bühne, die wir bespielen. Hier begegnen sich Familie und Unternehmen, oder Unternehmerfamilien und Familienunternehmer und damit zwei Logiken, die sich berühren. Die rechtlichen Herausforderungen, die sich daraus ergeben, untersuchen wir als wissenschaftlicher Partner vorausschauend und erschließen sie systematisch.

Axel Adamietz: Die meisten stellen sich unter "Jura" die streitige Gerichtsbarkeit vor. Dabei beschäftigt sich "Jura" nur zu einem Prozent damit – und zu 99 Prozent mit vorsorgender Rechtspflege, die vorher stattfindet. Die beste Streitvermeidung ist ein guter Vertrag. Darüber klären wir wissenschaftlich auf.


Können Sie uns Beispiele nennen?

Anne Röthel: Wir sind eine Bühne für alle Buddenbrooks, wenn Sie so wollen. Die Geschichte vom "Verfall einer Familie" liefert alle denkbaren Herausforderungen, denen sich auch heutige Familienunternehmen ausgesetzt sehen können.

Karsten Schmidt: Sie haben bestimmt auch die Suhrkamp-Affäre mitverfolgt? Der Familienverlag, der in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden sollte, wäre dem Konflikt zwischen einem neuen Miteigentümer und der Witwe des legendären Suhrkamp-Verlegers beinahe selbst zum Opfer gefallen. Das Feuer unter dem Dach wurde entfacht, weil der Gesellschaftsvertrag Schwächen hatte.


Solcherlei Konflikte und Problematiken greifen Sie dann in Ihrer Arbeit auf?

Alle: Ja!

Anne Röthel: Das Zeitgeschehen liefert den Stoff für unsere wissenschaftliche Arbeit. Wir beobachten bestimmte Bereiche eine Zeit lang. Und wenn wir merken: 'Oh, das wird unübersichtlich', sprechen wir darüber bei unseren Treffen und suchen nach Gesprächspartnern, die sich auf der nächsten Tagung damit befassen. Unsere letzte Jahrestagung hatte internationale Familienunternehmen zum Thema.

Axel Adamietz: Es gibt aber auch immer wiederkehrenden grundsätzlichen Klärungsbedarf. Ein großes Thema bei Familienunternehmen ist die Nachfolge. Nehmen wir zum Beispiel an, der jetzige Inhaber hat drei Kinder. Welches davon soll die Firma übernehmen? Da ist keineswegs nur rechtlich gesehen eine Lösung wichtig, auch psychologisch wird der Sachverhalt beim Notar erörtert.

Karsten Schmidt: Optimale Testamente und Gesellschafterverträge sind wichtig, um noch mal auf den Suhrkamp-"Verlagskrieg" anzuspielen. In der Regel kommen Unternehmen bei Rechtsberatern erst an, wenn es zu spät ist. Wir wollen mit Wissen vorsorgen. Unternehmer sollten vorbereitet sein.


Wie aber kommt Ihr gesammeltes Wissen an die Zielpersonen, an die Familienunternehmer?

Jens Prütting: Durch unsere Werkstattgespräche und unsere Jahrestagung, zu der neben Notaren, Rechtsanwälten und Wissenschaftlern viele Unternehmer kommen.

Axel Adamietz: 100 bis 200 Personen besuchen unsere Tagungen.

Jens Prütting: Im Anschluss an diese werden alle Referate im Tagungsband zusammengefasst. Der vierte mit dem Titel "Internationale Familienunternehmen" wird demnächst erscheinen. Eine schöne Reihe, die wiederum insbesondere von Notaren bezogen wird.


Worüber haben Sie bei ihrem heutigen Treffen gesprochen?

Anne Röthel: Es standen Verwaltungsdinge an. Thema war das nächste Werkstattgespräch am 31. Mai 2016. Dabei wird es um das Pflichtteilsrecht beim Generationenwechsel gehen.


Was können wir uns unter einem "Werkstattgespräch" vorstellen?

Anne Röthel (lacht): Wir sitzen dann mit noch mehr hochgekrempelten Ärmeln im Gespräch. Letztens waren junge Unternehmerinnen bei uns und haben uns erzählt, wie es für sie ist, die Nachfolge nach ihren Vätern anzutreten.

Axel Pfeifer: Das Treffen ist eine Begegnung von Wissenschaft und Praxis. Auch Studenten nehmen daran teil, denn die vorsorgende Rechtspflege kommt in ihrer Ausbildung zu kurz, zum Beispiel die Gestaltung von Verträgen.

Axel Adamietz: Ein Werkstattgespräch ist wie ein Brainstorming, eine Tagung dient eher dem Wissenstransfer. Sie besteht aus Referaten mit anschließenden Diskussionsrunden.

Karsten Schmidt: Es ist immer eine große Herausforderung, die besten Referenten für die nächste Konferenz zu finden. Die diesjährige Tagung ist für den 28. Oktober 2016 geplant und beschäftigt sich mit Strategie und Führung in Familienunternehmen.


Mit welchen Herausforderungen hat das Zentrum neben der Gewinnung guter Referenten noch zu kämpfen?

Axel Adamietz: Dass sich Notare für die Arbeit des Zentrums interessieren und das Wissen weitergeben an ihre Mandanten.

Jens Prütting: Bisher haben wir nahezu ausschließlich deutsche Experten. Wir wollen jedoch verstärkt internationale Sachverhalte erörtern. Dafür brauchen wir dementsprechende Referenten.

Karsten Schmidt (schmunzelt): Wir sind nie am Ziel. Es gibt immer neue Fragen, die zu klären sind.

Interview: Anja Reinbothe-Occhipinti, freie Journalistin