Physik, Business, Recht – eine interdisziplinäre Arbeit

Der ehemalige MLB-Student Winfried Reimann und Prof. Natalia Ribberink haben zusammen ein Paper zum Thema Trade Agreements veröffentlicht

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Zu den Personen

Winfried Reimann war Teil des MLB-Jahrgangs 2021 der Bucerius Law School. Zuvor studierte er Physik und arbeitete einige Jahre in einer Unternehmensberatung. Im Rahmen des Masterprogramms belegte er den Kurs „International Trade and Investment“ bei Professorin Dr. Natalia Ribberink, die anschließend auch seine Masterarbeit betreute.

Sie ist seit 2012 als Professorin für Außenwirtschaft & Internationales Management an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg tätig und unterrichtet seit 2014 den Kurs „International Trade and Investment“ im Master of Law and Business Programm an der Bucerius Law School. Ihre Betreuung von Herrn Reimanns Masterarbeit und die dabei erzielten Ergebnisse führten zu einer Arbeit an einem gemeinsamen Paper.

 

Worum geht es?

Zentrales Thema des Kurses waren u.a. internationale Freihandelsabkommen von verschiedener Ausgestaltung. Während manche Abkommen beispielsweise lediglich Zölle senken, gehen andere weiter und umfassen auch Bereiche wie die Harmonisierung regulatorischer Standards, den Schutz von Investitionen oder die Stärkung von Arbeitnehmerrechten.

Die Idee, dann eine Analyse zum Thema „Heterogeneity in Preferential Trade Agreements: Legal Provisions and their Impact on International Trade” durchzuführen, entstand im Rahmen der Gruppenarbeit und -diskussionen in dem Kurs. Es wurden diverse Handelsblöcke besprochen und anhand internationaler Handelsdaten analysiert. Daraufhin kam der Vorschlag von Herrn Reimann, das Thema im Rahmen seiner Masterarbeit weiter zu untersuchen.

Dort hat er sich gefragt, wie sich diese oben erwähnten verschiedenen Elemente eines Abkommens auf die Handelsaktivitäten zwischen den Mitgliedsstaaten auswirken und den Handel letztendlich stärken. Bei der Analyse kamen die beiden zu spannenden und teilweise überraschenden Ergebnissen und erforschten diese dann noch tiefer im Rahmen eines bereits oben erwähnten gemeinsamen Papers.

So ist es den Autoren u.a. gelungen, die Vielfalt der gültigen Freihandelsabkommen (insgesamt 261) in drei Cluster zu klassifizieren und die jeweiligen Auswirkungen eines Cluster-typischen Abkommens auf die Konfiguration der Handelsströme in- und außerhalb der teilnehmenden Mitgliedsstaaten zu analysieren. Dabei hat sich u.a. herausgestellt, dass nicht jedes Handelsabkommen automatisch zu mehr Handel führt.

Eine gewisse „Tiefe“ (heißt: ausreichend viele Bereiche, in denen der Handel liberalisiert und Standards angeglichen werden) muss vorhanden sein. Ein einfaches Absenken von Zöllen ist zum Beispiel häufig nicht zielführend. Schaut man sich den immer bedeutender werdenden Handel mit Dienstleistungen an, so ist eine noch größere Tiefe erforderlich, um einen erkennbaren Effekt auf die Zunahme des Handels zu erreichen.

Internationale Anerkennung

Frau Prof. Ribberink, seit 2015 Mitglied der Academy of International Business, wurde zur Annual Conference of the Academy of International Business 2022 in Miami eingeladen, um dort das gemeinsame Paper vorzustellen. Das Auswahlverfahren war durch die zahlreichen eingereichten Veröffentlichungen sehr anspruchsvoll und so war die Einladung des renommierten Verbands eine frohe Botschaft, für die beiden Wissenschaftler*innen.

Prof. Ribberinks Vortrag wurde mit großem Interesse wahrgenommen, Fragestellung und Methodik gelobt und es kam im Anschluss zu einer lebhaften Diskussion zum international wieder äußerst aktuellen Forschungsthema. Es wurde den beiden empfohlen, das Paper zusätzlich zu den Conference Proceedings zur Veröffentlichung in einem wissenschaftlichen Journal einzureichen, woran aktuell auch gearbeitet wird.

Zurzeit arbeitet Herr Reimann im Bundesfinanzministerium in Berlin und beschäftigt sich dort mit der staatlich unterstützten Stabilisierung von Unternehmen, die durch die Corona-Krise oder die aktuelle Energiekrise in Schwierigkeiten geraten sind. Prof. Ribberink und er stehen weiterhin in regelmäßigem Austausch und planen, das Paper in einem wissenschaftlichen Journal zu veröffentlichen. Vielleicht ergeben sich in Zukunft noch weitere spannende Forschungsprojekte der beiden!

Was sind „Preferential Trade Agreements“ (PTAs)?

Eigentlich ist eine der wichtigsten Regeln der Welthandelsorganisation (WTO), dass ein Handelsvorteil, den ein WTO-Mitglied einem anderen gewährt, auch jedem anderen WTO-Mitglied gewährt werden muss („Most Favored Nation-Prinzip“). Grundsätzlich ist „Preferential Trade“ also verboten.

Wenn eine Gruppe von Ländern allerdings den Handel untereinander umfassend und in transparenter Art und Weise liberalisiert, müssen diese Handelsvorteile nicht auch den anderen WTO-Mitgliedern gewährt werden. Diese Ausnahme nennt man „Preferential Trade Agreement“. PTAs und ihr Einfluss auf die internationalen Handelsströme bildeten die zentrale Forschungsfrage der Analyse.

Der naturwissenschaftliche Hintergrund – ein Vorteil?

Um fundierte statistische Aussagen bezüglich der Frage, wie sich die einzelnen Elemente von Handelsabkommen auf die Handelsaktivität zwischen den Mitgliedsstaaten auswirken, treffen zu können, muss man Daten aus vielen verschiedenen Ländern und Abkommen über einen langen Zeitraum auswerten.

Im Physikstudium und auch bei seiner anschließenden Tätigkeit bei einer Unternehmensberatung konnte Herr Reimann sich bereits viel mit der Analyse großer Datenmengen und der Entwicklung statistischer Modelle beschäftigen. Der regelmäßige Austausch mit Prof. Ribberink, einer erfahrenen Ökonomin, half außerdem, gewisse Fragestellungen möglichst gut in einen wissenschaftlichen Gesamtkontext einzuordnen und Ergebnisse für ein Fachpublikum optimal darzustellen.

Was macht genau dieses Thema so wichtig?

Der globale Handel spielt eine große Rolle bei der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes und trägt im besten Falle zu Wohlstand und Wachstum bei. Im schlechten Falle kann sich eine wachsende Handelsaktivität allerdings auch negativ auswirken und zu prekären Arbeitsbedingungen, wachsender Ungleichheit und Umweltbelastung führen.

Im Idealfall sollte es also nur Handelsabkommen geben, die positive Folgen haben und die möglichen negativen Auswirkungen verhindern. Damit man das aktiv steuern kann, muss man verstehen, wie die verschiedenen Elemente eins Handelsabkommens wirken. Neue Erkenntnisse können dazu beitragen, Handelsabkommen in Zukunft zielgenauer auszugestalten, damit alle beteiligten Staaten von einer zunehmenden Globalisierung profitieren können.

Text

Emma Schimmel, Florian Helwich

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