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15.06.2016

Reist und redet! Egal, wie lang die Strecken und Gespräche sind.

Aus der aktuellen "Politik und Gesellschaft".

Ich komme zum Bahnsteig, mein Zug geht in zwanzig Minuten. Ich setze mich auf eine Wartebank, neben einen Mann, neben den sich noch niemand gesetzt hat. Dunkle Haare, Vollbart. Den Schnurrbart gezwirbelt. Ich schaue auf meine Uhr.

„Wie spät?“, fragt er etwas ruppig.
„Zwanzig nach zehn.“, sage ich.
„Hoffentlich kommt der Zug pünktlich.“

Wir kommen in ein Gespräch, wie ich es sonst zu selten führe. Tiefgründiger als mit den meisten Bekannten und Verwandten. Tiefgründiger als mit den meisten Fremden sowieso. Er kommt vom Flughafen, Flug von Serbien, stressige Landung. Wir sprechen über Filme. Auch er findet „Shutter Island“ klasse. Wir diskutieren über das Ende von „Shutter Island“ und über andere Filme mit spannenden Wendungen.

Der Zug kommt.
Wir gehen zur Tür.
„Ach ja – Andreas“, sagt er, grinsend.
„Julius“, antworte ich.

Wir steigen ein, reden über die stressigen Landungen, die wir schon erlebt haben, über die Leben, die wir schon geführt haben. Er erzählt mir vom Kleidungsgeschäft, das er mit seinem Vater führt, von ihrer Fabrik, seiner Jugend. Als meine Haltestelle angesagt wird, kenne ich einen Menschen. Dann steige ich aus und begebe mich wieder in das statische Leben.

In der modernen Gesellschaft sitzen die Menschen oder sie liegen. Selten sind sie aufrecht und in Bewegung. Häufig schlafen sie oder arbeiten sitzend. Menschen am Schreibtisch im Büro, in der Uni-Bibliothek, vor dem Fernseher. Menschen an einem Ort. Statisch.

Doch manchmal sind die Menschen unterwegs. Sie reisen lange und kurze Strecken. Viele von ihnen pendeln - reisen im Kleinen. Sie gehen, radeln und rennen, steigen um. Kommen an, fahren ab.

Wenn die Menschen reisen, können sie sich innerlich freier bewegen als sonst. Denn wenn die Umgebung um die Menschen herum verschwimmt oder in der schwarzen Zugfensternacht unsichtbar wird, gibt es eine Variable weniger, an der Gedanken gemessen werden müssten.

Während ich Zug fahre, fallen mir Dinge auf, die mir sonst nicht auffallen. Ich denke nach, während ich dahinfahre. Meine Gedanken schweifen meinem Blick hinterher durch die Landschaft, die außen vorbeizieht. Bei nichts anderem fällt es mir so leicht wie beim Bahnfahren, an so wenig zu denken – oder so angestrengt über das Leben und meine Ideen zu grübeln. Den Blick aus dem fahrenden Fenster gerichtet, geht es wohl den meisten so.

Einige Gedanken warten praktisch darauf, dass man ein Stündchen auf einen Zug warten muss, ehe sie einem kommen. Manche Gespräche warten nur darauf, mit anderen Reisenden geführt zu werden. Richtige Gespräche, so wie jenes mit Andreas, Gespräche wie dieses ergeben sich selten im statischen Leben und auch beim Pendeln kommen sie viel zu selten vor.

Aber gerade dort könnten sie vorkommen. Oberflächliche Pendlergespräche – ja, der Zug kommt später und ja, das nervt – gibt es sicherlich schon genug – und ziemlich kalt heute, oder?

Aber dabei muss es ja nicht bleiben. Denn mit Menschen, mit denen man nur den Moment und das Verkehrsmittel, aber keine gemeinsame Vergangenheit teilt, kann man so frei reden wie mit niemandem sonst.

Und dann ist eine geteilte Zukunft auch nicht mehr ganz ausgeschlossen.

Julius Weidig