News

14.06.2018

Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren

Podiumsdiskussion über die 68er Bewegung mit Professorin Dr. Rahel Jaeggi und und Professor Dr. Armin Nassehi

Fünfzig Jahre ist es nun her, dass die 68er-Bewegung in den Hörsälen der Universitäten eine Entwicklung ins Rollen brachte, die auch unser Leben bis heute stark prägt. Passend erscheint es deswegen, dass die vom Studium generale gemeinsam mit dem Kursbuch organisierte Veranstaltung „Aufbruch, Protest, Umbruch: Was bleibt von 1968“ am 30. Mai 2018 ebenfalls in einem Hörsaal der Bucerius Law School stattfand, wo die Studierenden von damals auf aktuelle Studierende der Bucerius Law School trafen.

Moderiert von Heinrich Wefing, Ressortleiter Politik bei der ZEIT, versuchten Professorin Dr. Rahel Jaeggi, Professorin für praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, und Professor Dr. Armin Nassehi, Professor für allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zunächst zu ergründen, was 1968 zu solch einem besonderen Jahr machte. Denn nicht nur die deutschen Entwicklungen in diesem Jahr, sondern auch die amerikanischen Proteste gegen den Vietnam-Krieg, Frankreichs Studentenrevolten und Südafrikas Kampf gegen die Apartheid veränderten die Welt wie wir sie heute kennen nachhaltig.

Die deutsche 68er Bewegung ist jedoch laut Nassehi in der Hinsicht besonders bemerkenswert, als dass sie sich zunächst ganz auf die Universitäten konzentrierte. Da damals weniger als 10 % eines Jahrgangs nur das Abitur machte und damit studieren konnte, handelte es sich bei den Trägern dieser Protestbewegung um eine kleine, privilegierte Gruppe, die sich gegen das System wandte, obwohl ihre Aufstiegschancen in genau diesem System eigentlich blenden waren.

An den Universitäten machten diese jungen Leute sich frei von überholten Konzepten, an die ihre Eltern noch geglaubt hatten: Das Resultat war die Emanzipation der Frau, die verstärkte Aufarbeitung des Holocausts, das Experimentieren mit neuen Lebensstilen und die zunehmende Demokratisierung der Gesellschaft.

Doch fanden alle diese Prozesse wirklich erst im Jahr 1968 statt? Oder woher kommt der Mythos, der sich um diese Jahreszahl rankt? Laut Jaeggi ist das Jahr 1968 nur ein symbolisches Ereignis gewesen, auf das im Vorfeld bereits Strömungen wie die Antikriegsbewegung hingearbeitet hatten, bis sich die revolutionären Ideen in diesem Jahr verdichteten. Der Mythos 68er gibt, der sich lange angebahnten Bewegung aber schließlich eine ästhetische Form.

Heute scheint dieser Mythos der 68er Bewegung jedoch manchmal nur noch in den Geschichten der Eltern und Großeltern zu leben. Denn auch wenn sich die gegenwärtige Studierendengeneration an vielen Orten in der Gesellschaft engagiert, sei es in einer politischen Partei, im Sportverein oder einem sozialen Projekt, fehlt ihnen die Universität als Ort der gemeinsamen Auseinandersetzung. Striktere Regulationen des Studiums und ein Profilverlust der Fakultäten mögen dazu beigetragen haben, dass die Revolutionen des Alltags heute nicht mehr auf dem Campus stattfinden.

Und auch wenn die 68er-Bewegung durchaus ihre Schattenseiten hatte – man denke nur an gewaltsame Protestaktionen oder die RAF – ihre Auswirkungen sind auch fünfzig Jahre später noch zu spüren und haben die deutsche Gesellschaft nachhaltig verändert. Ist es also vielleicht wieder an der Zeit, die Universität zu einer politischen Gedankenschmiede zu machen? Darüber konnte im Anschluss an die Veranstaltung das Publikum bei einem Glas Wein und mit Blick auf den sommerlichen Campus diskutieren.

Charlotte Born-Fallois, Studentin