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07.03.2019

Wie der chinesische Managementstil die Weltwirtschaft erobert

Blick hinter die Kulissen chinesischer Privatunternehmen beim Bucerius Greater China Talk

Amerikanische Konzerne, ihre Gründer und CEOs sind uns in Deutschland wohl bekannt. Doch was wissen wir über die Unternehmerpersönlichkeiten und die aufstrebenden Konzerne der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt? Nur wenige Westler haben sich so intensiv mit chinesischen Privatunternehmen, ihren Chefs, deren Zielen und Motiven befasst wie Wolfgang Hirn, der 2018 das Buch "China Bosse – unsere unbekannten Konkurrenten" verfasst hat. Auf Einladung der Alumni-Gruppe "Greater China" sprach der Journalist und Autor am 28. Februar 2019 vor dem bis zum letzten Platz gefüllten Heinz Nixdorf Hörsaal der Bucerius Law School.

Der China-Experte begann mit einer Einteilung der Privatunternehmer in vier Kategorien, die zugleich Meilensteine der chinesischen Wirtschaftsgeschichte darstellen. Die "alte Garde" setzt sich aus Selfmade-Männern zusammen, die in den 80er Jahren die historische Chance der chinesischen Reform– und Öffnungspolitik nutzten, um als Privatunternehmer ihr Glück zu suchen. Die "92er Gang" hat sich anstecken lassen von Den Xiaopings Reise nach Südchina Anfang der 90er-Jahre und die Wiederbelebung des Reformprozesses. Diese Unternehmer hatten weniger Entbehrungen zu erleiden und haben häufig schon eine Universitätsausbildung genießen können. Die "2000er" sind die Profiteure des aufkommenden Internets und dem Beitritt Chinas zur WTO. Sie sind technologie-affin und gut ausgebildet, ihre Unternehmen sind dem Online-Geschäft zuzuordnen. Die "2010er" sind die jüngste Unternehmergeneration, die auch als "junge Wilde" bezeichnet werden. Sie kennen nur das moderne China der Reformära, sind international ausgebildet und richten ihre Unternehmen global aus.

Trotz der Altersunterschiede stellt Hirn Gemeinsamkeiten über die Generationen der chinesischen Unternehmer heraus, die sie grundlegend von westlichen Unternehmern unterscheidet. Chinas Manager sind wahre Meister im Trial-and-error-Verfahren. Dies erlaubt ihnen, auch ein imperfektes Produkt auf den Markt zu bringen und dann sofort zu reagieren, wenn nachgebessert werden muss. Dabei hilft ihnen ihr stark ausgeprägter Pragmatismus. Daraus resultiert ein eigenes, chinesisches Managementsystem, das mit Aspekten des westlichen Managementstils kombiniert wird. Dabei zeigt sich, dass die chinesischen Manager bereit sind, vom Westen zu lernen. Westliche Manager hingegen kommen laut Hirn viel zu selten auf die Idee, von China lernen zu wollen.

Vor dieser Ignoranz warnt Hirn, da die Übernahmen deutscher Unternehmen durch chinesische Investoren auch in Zukunft nicht abebben würden. Eine große Herausforderung für Deutschland sei die aktuelle Frage, ob man beim Ausbau der 5G-Technologie auf westliche oder chinesische Konzerne setze. Hier plädiert Hirn dafür, den technologischen Vorsprung der chinesischen Anbieter anzuerkennen und sie nicht pauschal auszuschließen.

Text: Stephan Kuntner; Fotos: Stefan Endeward