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09.11.2016

Zügelt euch!

Brauchen wir einen „Code of Ethics“ für virtuelle Welten in der Wissenschaft?

Der technische Fortschritt der letzten Jahre hat es möglich gemacht: Durch das Aufsetzen von Brillen werden Augen und Ohren perfekt abgestimmten Reizen ausgesetzt und man kann sich für Minuten oder auch Stunden in eine völlig neue Welt begeben. Diese nur virtuell existierende Welt nennt sich „Virtual Reality“ und war Thema der Bucerius Lab Lecture mit Dr. Michael Madary, die am 19.10.2016 in Kooperation mit der ZEIT-Stiftung an der Bucerius Law School stattfand.

Der US-amerikanische Wissenschaftler Dr. Michael Madary lehrt und forscht an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und ist ebenfalls Mitarbeiter des EU-Projekts VERE, das die Auswirkungen von Robotik und virtuellen Welten auf unsere Gesellschaft untersucht. Zusammen mit dem Mainzer Professor Thomas Metzinger hat er erst kürzlich den weltweit ersten „Code of Ethics“ in Bezug auf virtuelle Welten veröffentlicht. In ihrem „Code of Ethics“ warnen die Autoren vor unvorhersehbaren Risiken für unsere psychische Gesundheit, die der immer weiter fortschreitende Einsatz von virtuellen Welten mit sich bringt und mahnen zur Vorsicht im Umgang mit diesem neuen Medium.

Madary erwähnte aber auch einige positive Effekte dieser neuen Technologie. Zum Beispiel seien durch den Einsatz von VR-Brillen bei einer Teststudie, in der die Testpersonen sich in einer anderen Hautfarbe durch den Alltag bewegten, der Rückgang von rassistischen Ressentiments bei den Teilnehmenden verzeichnet worden. Auch in der Schmerztherapie und in der Behandlung von Essstörungen oder Phobien seien mit „Virtual Reality“ bereits gute Erfahrungen gemacht worden. Vom vielleicht ganz unwissenschaftlichen Unterhaltungswert, den „Virtual Reality“ mit sich bringt, ganz zu schweigen.

Über die negativen Effekte der Technologie auf die menschliche Psyche gebe es, so Madary, indes kaum Erfahrungswerte, geschweige denn Langzeitstudien. Es sei aber unbestritten, dass unser nächstes Umfeld unser Verhalten direkt beeinflusse. Insofern, mahnt Madary, müssten die Nutzer dieser neuen Technologie über die möglichen psychologischen Effekte aufgeklärt werden und der Kinder- und Jugendschutz intensiviert werden. Es sei notwendig, dass die Forschung nicht nur an immer realeren „out-of-body“-Erfahrungen, sondern eben auch an deren psychischen Langzeiteffekten fortgeführt werde.

Im Anschluss an seinen Vortrag diskutierte Madary mit Jan Ehlert vom NDR auf dem Podium über weitere ethische Aspekte von virtuellen Welten und beantwortete die Fragen des Publikums. Selbst in virtuelle Welten eintauchen, konnten die Besucher anschließend in der Rotunde der Bucerius Law School. Das Hamburger Virtual Reality Unternehmen „VR Nerds“ hatte Stationen aufgebaut, an denen unterschiedliche „Virtual Realities“ ausprobiert werden konnten.

Pablo Cardenal, Student