Semiotik

Zeichen, so wichtig. Gerade Satzzeichen. Schaffen Ordnung, bewirken Missverständnisse, wecken Emotionen, führen zu Streit. Manchmal beinhalten sie eine Botschaft – z.B. für die kommende Herbsttagung

Als der erste Newsletter des Bucerius Centers on the Legal Profession versandt wurde, gab es gleich Kritik. Nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Verwendung des Genderzeichens. Ein simples Zeichen, das in unterschiedlicher Form auftreten kann, als Sternchen (Asterisk), als Doppelpunkt, als Unterstrich, auch das Binnen-I gehört dazu. Verwendet man dafür einen Doppelpunkt (z.B. Leser:innen) und lässt sich den Text vom Computer vorlesen, macht die Stimme eine kaum merkbare Sprechpause vor dem „innen“, wie ein Glottisschlag. Alles nur Zeichen, aber sie stehen für eine sehr lebendige und manchmal gereizte Auseinandersetzung um gendergerechtes Schreiben, Lesen und Sprechen mit dem Ziel einer möglichst umfassenden Adressierung von Menschen jenseits gestrenger Genus- und Sexus-Differenzierung. Wenn Sie linguistisch und gesellschaftspolitisch auf diskursive Ballhöhe (und weg von Ihrem Bauchgefühl) kommen wollen, dann empfehle ich Ihnen den Disput zwischen der Schriftstellerin Nele Pollatschek und dem Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch im Berliner Tagesspiegel. Es ist ein überaus kluges und lehrreiches Lesevergnügen, versprochen! Einstweilen werden wir uns weiterhin hier und überhaupt an der Law School um eine inklusive und gleichzeitig lesbare Schreibweise bemühen.

Nun, Zeichen: Es gibt auch solche, die etwas anderes meinen als sie vorgeben. Fragezeichen etwa können den Charakter eines Ausrufezeichens haben, wenn die Frage so lautstark daherkommt, dass sie näher an der Behauptung als an der Frage ist. Das im Rechtsmarkt bekannteste Beispiel ist Richard Susskinds 2007 erschienenes Buch „The End of Lawyers“ – das ist nicht der vollständige Titel, aber so wird er zitiert, als Provokation. Der Text dieses Buchs mit dem vollständigen Titel „The End of Lawyers?: Rethinking the Nature of Legal Services“ ist viel weniger plakativ, und Susskind hat immer auf das Fragezeichen verwiesen. Folgt man allerdings seinen Vorträgen zu diesen Themen, dann hört man keine Fragezeichen, eher Thesen. Dazu passen als Fragezeichen verkleidete Ausrufezeichen ideal.

Die kommende Herbsttagung des Bucerius Center on the Legal Profession trägt den Titel „Come back stronger!“, bewusst mit einem Ausrufezeichen. Die Tagung wird nicht nur neutrale Beobachtungen mitteilen. Niemand kann seriös alle (manchmal bangen) Fragen beantworten. Es hilft auch nicht. Vielmehr gehen wir in dieser schwierigen Zeit, in der wir noch bis auf Weiteres stecken werden, mit einem anderen Mindset voran, mit dem wir auch in unseren Workshops und Beratungsprojekten arbeiten: Aus dieser Situation können und müssen wir wirklich etwas machen. Das meinen wir keinesfalls zynisch, und wir vergessen nicht, welches Leid und welche Sorgen viele haben, die von dem Virus unmittelbar betroffen waren oder es noch sind. Aber: wir erleben gerade die Ablösung des analogen Jahrhunderts durch die digitale Zukunft, in der wir uns noch nicht zurechtfinden. Wir haben so viele Änderungs- und Verbesserungsmöglichkeiten gesehen, von denen wir noch vor einem halben Jahr dachten, es dauere noch Jahre, bis es so weit ist. Aber nun ist es so weit, und die vielfältigen Herausforderungen, für die es keine Vorbilder gibt, können wir nur bewältigen, wenn wir das mit einer positiven und nachhaltig wirkenden Entschlossenheit tun. Das Ausrufezeichen hinter dem Tagungsthema ist also auch eine Botschaft, nämlich die Aufforderung, nicht nur „unbeschadet durch die Krise“ zu kommen, sondern das Beste daraus zu machen, mittel- und langfristig. Wie man das hinbekommen kann, besprechen wir dann im November.

Autor*in

Markus Hartung

Hamburg