Mit Gerd um die Welt – Austin, TX

Ein Bericht von Ann-Theres Hall

Jurastudium |

“Texas? Was willst du denn da?”, ist die Frage, die mir sicherlich mit am meisten gestellt wurde, bevor ich in das Abenteuer Auslandstrimester gestartet bin. Ich hätte auf diese Frage sicherlich in vielerlei Hinsicht antworten können: Die Law School bzw. Universität, die in den USA hoch angesehen ist und beste Ressourcen für internationale Studenten bereithält, Austin als charmante, kleinere Studentenstadt mit ihrem Slogan “Keep Austin Weird”. Die Antwort, die ich den meisten Leuten zunächst gab, war jedoch eine andere:  “Ich hätte gern im Winter 25°C!”. Ob ich vergessen habe, dass es auch noch andere Jahreszeiten gibt?

Die erste Lektion, die ich dann nämlich im August in Texas gelernt habe, war, dass es einen ganz bedeutenden Unterschied macht, ob es, wie die letzten Sommer regelmäßig in Hamburg, ein paar wenige Tage am Stück mal die 40°C erreicht, oder ob es, wie in Austin, bis Oktober eigentlich nicht abkühlt. Die Frage, ob man die 20 Minuten über den Campus läuft oder doch den Bus nimmt, hängt nicht mehr davon ab, ob es eventuell schneller oder praktischer ist, sondern hauptsächlich davon, ob es einem etwas ausmacht, klitschnass geschwitzt anzukommen. Verstärkt wird das Problem noch durch die Klimaanlagenaffinität der Amerikaner: Wenn du dich passend zum Wetter anziehst, wirst du in der Law School einen Kälteschock erleiden, die wird nämlich das ganze Jahr über auf gefühlt -5°C heruntergekühlt.

Aber versteht mich nicht falsch, Texas ist toll! (Und an das Wetter gewöhnt man sich auch irgendwann...)

Und wie an das Wetter gewöhnt man sich auch an vieles anderes:  Es ist nichts Besonderes (oder auch gerade?), an der Law School Studenten in Hochglanz-Cowboyboots zu sehen. Auch spricht man schon mal mit Kommilitonen, die es zur Verteidigung ihres Zwei-Zimmer-Apartments für nötig halten, fünf Waffen in jeder Ecke zu deponieren.

Man erkennt, dass der Spirit an der BLS schon großgeschrieben wird, aber nur schwer mit dem der tausenden Studenten im riesigen Footballstadion mithalten kann, die zu Spielbeginn lauthals “The Eyes of Texas” singen (und hierbei wesentlich engagierter sind als bei der Nationalhymne).

Mich hat es sehr erstaunt, wie “normal” das alles für mich wurde. Vier Monate sollten doch eigentlich nicht ausreichen, sich in einer fremden Kultur irgendwie “heimisch” zu fühlen?  Irgendwann habe ich mich nicht mehr gewundert, wenn ich Kommilitonen in Boots (das “Cowboy-” sollte man sich in Texas sparen) gesehen habe. Mittlerweile bin ich sogar stolze Eigentümerin meines eigenen Paars. Ich habe verstanden, dass ich als Europäerin nicht in der Position bin, die Meinung meiner Kommilitonen als schlichtweg “falsch” anzusehen und mir Gedanken darüber gemacht, wie anders die Kultur in den USA (und nicht nur in Texas) sein muss, dass es dort eben stellenweise normal ist, neben dem Kopfteil des Bettes einen geladenen Revolver zu lagern. Bald konnte ich auch den Text zur Texas-Hymne auswendig und habe genauso aus vollem Halse gegrölt, als die Longhorns Texas mit einem letzten Touchdown zum Sieg geführt haben.

Hamburg