Mit Gerd um die Welt – Tokio

Riesig und winzig zugleich – Ein Bericht von Katharina Majer, Waseda Law School, Tokio, Japan

Jurastudium |

Voll bepackt mit großem Koffer und zwei Rucksäcken stand ich am Tag meiner Ankunft in der Station Shinjuku im Herzen Tokios. Mein Ziel war zunächst, mit der Bahn zu meinem Zimmer in einem Share-House zu gelangen. „U-Bahn fahren kann doch nicht so schwer sein“, dachte ich mir. Tokio hat eines der bestausgebauten U-Bahnnetze der Welt. Alle Stationen sind in japanischer und lateinischer Schrift ausgeschildert. Mir war allerdings nicht klar, dass es in Tokio mehrere Netzbetreiber gibt, die jeweils unterschiedliche Linien verwalten, zwischen denen sogar gewechselt werden muss. Da stand ich nun ohne internetfähiges Handy, überdachte mein weiteres Vorgehen und beobachtete das Gewusel der vielen Menschen in einer der größten Bahnstationen Japans...

Die Japanerinnen und Japaner bewegten sich mit einer mir zuvor nicht bekannten Grazie durch ihre Umgebung. Selbst in einer „übervollen“ U-Bahn, die es besonders während der Rushhour nicht selten gibt, scheinen alle Menschen den privaten Raum der anderen zu respektieren. Sie schaffen es, aus besagtem Bahnwaggon auszusteigen, ohne auch nur eine Person anzurempeln. Auch in den Fluren der Bahnstation halten sich alle an die auf dem Boden aufgemalten Pfeile. Lautsprecherdurchsagen warnen davor, dass die Smartphone-Nutzung während des Gehens äußert gefährlich werden kann. Die meisten lassen also ihr Telefon lieber in der Tasche, während sie sich ihren Weg zur Arbeit bahnen. Es kam mir so vor, als wäre ich die einzige Person, die aus Versehen mal in jemanden hineinläuft und ich begann zu realisieren, dass die Bewegung durch den Tokioter Alltag eine gewisse Übung erfordert. Gegen Ende meines Aufenthalts hatte ich diese Fähigkeit deutlich ausgebaut, ich hielt nun auch schneller Ausschau nach Bodenlinien und Pfeilen und ließ mich durch die Menschenmassen zu meiner Bahn tragen. Ein echtes Tokio-Gefühl.

Inzwischen war ich in meiner Unterkunft angekommen. Ein Sieben-Quadratmeter-Zimmer sollte für die nächsten dreieinhalb Monate mein Zuhause sein. Alles in der Wohnung, die ich mir mit fünf Mädels und Jungs aus den unterschiedlichsten Ländern teilte, war winzig. In die Toilettenkabine und die Duschkabine passte ich gerade so hinein. Die Wohnung lag dafür mitten im Trendviertel „Shibuya“. Hier kann man die neuesten Trends begutachten. In Tokio hat jedes Viertel seinen eigenen Modestil. Die meisten Japanerinnen und Japaner legen sehr viel Wert auf ein modisches Auftreten. Dabei liegen besonders Erdtöne im Trend, was auch daran liegen könnte, dass ich im Herbst und Winter dort war. In Tokios wunderschönen Parks und japanischen Gärten bekam ich die Möglichkeit, die berühmte Laubverfärbung der Gingkos und des roten Zierahorns zu bewundern.

Auf meinen Reisen mit dem schnellen und sehr pünktlichen „Shinkansen-Schnellzug“ konnte ich die große Vielfalt des Landes erkunden. Auf der einen Seite die bewegende Gedenkstätte mit Friedenspark in Hiroshima, auf der anderen Seite die ehemalige Kaiserstadt Kyoto mit ihren atemberaubenden Tempeln oder die nördliche Insel Hokkaido mit wilden Vulkanlandschaften und heißen Quellen. In Japan wird es jedenfalls nie langweilig.

Durch mein Jurastudium an der „Waseda Law School“ konnte ich einiges über die Hintergründe dieser spannenden Gesellschaft erfahren. Ähnlich wie Deutschland, verfügt Japan über ein umfassendes Regelwerk. Leider musste ich jedoch erfahren, dass das japanische Recht nicht immer ganz mit der Zeit geht. Auf Gebieten wie Frauenrecht oder Strafprozessrecht gibt es dringenden Handlungsbedarf. So werden beispielsweise im strafrechtlichen Vorverfahren häufig Geständnisse durch Staatsanwaltschaft oder Polizei erzwungen, um später der Verurteilungsrate von 99,9 % gerecht zu werden.

Shibuya ist der Stadtteil mit der meist belaufenen Fußgängerkreuzung der Welt. Auf vier seitlichen Zebrastreifen und einem großen diagonalen Zebrastreifen wechseln zigtausende Menschen am Tag die Straßenseite – regelkonform wie man in Japan ist, natürlich nur bei grünem Ampellicht.  Umgeben ist die Kreuzung von Hochhäusern mit wiederum riesigen Werbereklamen. Im Vergleich zu meinem Zimmer wirkt alles riesig. In den Innenräumen ist jedoch wieder alles auf kleinstem Raum gehalten. Und so bewegte ich mich durch mein Auslandsstudium: In einem Wechselbad der Gefühle zwischen „Wow, ist das groß!“ und „Hier drinnen könnte ich eventuell Platzangst bekommen.“

Hamburg