Katharina E. Gangnus ist Gründerin von LWYRD Legal Recruitment, Expertin für Kanzleien und Rechtsabteilungen, Rechtsanwältin und Business Coach. Im Interview spricht die Alumna der Bucerius Law School über einen Rechtsmarkt im Wandel und die Frage, welche juristischen Fachkräfte künftig wirklich gebraucht werden. Warum neue Karrierewege auch Mut erfordern - und welche Chance sie im neuen Bachelor Recht & Digitale Transformation sieht.

- News & Termine
- Alle News
- „Der Bedarf an juristischen Fachkräften wird vielfältiger."
„Der Bedarf an juristischen Fachkräften wird vielfältiger."
Personalberaterin Katharina E. Gangnus über einen Rechtsmarkt im Wandel, neue Karrierewege und den Bachelor in Recht & Digitaler Transformation.
Warum braucht es neben dem Staatsexamen einen neuen juristischen Studiengang?
Das Staatsexamen bleibt für die klassischen reglementierten juristischen Berufe unverzichtbar. Wer Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt, Richter:in oder Staatsanwältin beziehungsweise Staatsanwalt werden möchte, muss diesen Weg weiterhin gehen. Auch für mich persönlich waren die beiden Staatsexamina und meine Zulassung als Rechtsanwältin wichtig. Sie haben dazu beigetragen, dass ich in einem nach wie vor sehr konservativen Markt auf Augenhöhe wahrgenommen werde.
Aber nicht jeder Mensch, der ein fundiertes Verständnis des Rechts erwerben möchte, will später einen dieser klassischen Berufe ausüben. Recht prägt wirtschaftliche Entscheidungen, technologische Entwicklungen, politische Prozesse und die Gestaltung von Organisationen. Deshalb gibt es zahlreiche Tätigkeitsfelder, in denen juristisches Denken einen erheblichen Mehrwert bietet, ohne dass dafür zwingend zwei Staatsexamina erforderlich sind.
Gleichzeitig erleben wir seit Jahren, wie schwer sich die traditionelle Juristenausbildung grundlegend reformieren lässt. Wenn eine notwendige Weiterentwicklung innerhalb des bestehenden Systems nicht oder nur sehr langsam gelingt, muss man zusätzliche Wege schaffen. Genau darin liegt für mich eine besondere Stärke der Bucerius Law School.
"Ein breiter angelegter juristischer Bachelor kann hier eine echte Lücke schließen."
Auch die zeitliche Dimension sollte man nicht unterschätzen. Ein Bachelorstudium dauert drei Jahre. Das ist eine überschaubare Investition, die ein solides juristisches Fundament schaffen und zugleich Raum für eine spätere Spezialisierung oder Neuorientierung lassen kann. Der klassische Weg mit Studium, Referendariat und zwei Staatsexamina nimmt dagegen häufig sieben, acht oder sogar zehn Jahre in Anspruch. Wer anschließend feststellt, dass die klassischen juristischen Berufe doch nicht der eigene Weg sind, kann sich zwar neu orientieren, bringt aber nicht automatisch die Qualifikationen mit, die in anderen Berufsfeldern erwartet werden.
Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht. Nach meinem ersten Staatsexamen hatte ich eine Phase, in der ich nicht sicher war, ob Jura für mich der richtige Weg ist. Ich bewarb mich auf Traineeprogramme in Unternehmen und erhielt mehrfach die Rückmeldung, dass ich im Vergleich zu wirtschaftswissenschaftlich ausgebildeten Bewerber:innen nicht breit genug aufgestellt sei. Der häufig zitierte Satz „Mit Jura kann man alles machen“ stimmt deshalb aus meiner Sicht nur bedingt. Ein breiter angelegter juristischer Bachelor kann hier eine echte Lücke schließen.
Wer sollte sich für den Bachelor Recht & Digitale Transformation entscheiden?
Der Studiengang richtet sich aus meiner Sicht an junge Menschen, die ein fundiertes juristisches Verständnis erwerben möchten, sich aber nicht bereits zu Beginn ihres Studiums auf einen der klassischen juristischen Berufe festlegen wollen. Er dürfte besonders für diejenigen interessant sein, die neugierig auf die Schnittstellen zwischen Recht, Wirtschaft, Technologie und gesellschaftlicher Entwicklung sind und sich unterschiedliche berufliche Möglichkeiten offenhalten möchten.
Natürlich ist das auch eine Typfrage. Wer einen vollständig vorgezeichneten Weg und größtmögliche Sicherheit sucht, wird sich möglicherweise weiterhin eher für das klassische Jurastudium entscheiden. Wer dagegen Freude daran hat, Entwicklungen mitzugestalten, Verantwortung für den eigenen Weg zu übernehmen und auch Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, für die es heute noch kein festes Berufsbild gibt, kann in dem neuen Studiengang eine sehr passende Alternative finden.
"Wenn ich heute noch einmal vor der Studienwahl stünde, wäre der Bachelor für mich absolut eine ernsthafte Option."
Ich selbst habe mich mit 19 Jahren vergleichsweise unbefangen für das Jurastudium entschieden. Seit meinem zehnten Lebensjahr war ich überzeugt, besonders gut argumentieren zu können und deshalb Rechtsanwältin werden zu müssen. Ob ich damals wirklich verstanden hatte, worauf ich mich einließ und welche beruflichen Möglichkeiten oder Einschränkungen mit dieser Entscheidung verbunden waren, bezweifle ich rückblickend.
Viele junge Menschen gehen heute wesentlich informierter und reflektierter an ihre Studienwahl heran. Sie wissen, dass berufliche Wege weniger geradlinig geworden sind, und prüfen sehr bewusst, welche Ausbildung zu ihren Interessen, Fähigkeiten und Vorstellungen vom eigenen Leben passt. Wenn ich heute noch einmal vor der Studienwahl stünde und dabei wüsste, was ich inzwischen über den Rechtsmarkt und seine Entwicklung weiß, wäre der Bachelor in Recht & Digitaler Transformation für mich absolut eine ernsthafte Option.

Wie blicken Sie auf mögliche Unsicherheiten, die ein neuer Studiengang mit sich bringt?
Ein neuer Studiengang bringt zwangsläufig Unsicherheiten mit sich. Die ersten Absolvent:innen des Bachelors in Recht & Digitaler Transformation werden frühestens zu Beginn des kommenden Jahrzehnts in den Arbeitsmarkt eintreten. Niemand kann heute seriös vorhersagen, wie der Rechtsmarkt dann genau aussehen wird, welche neuen Berufsbilder bis dahin entstehen und wie Arbeitgeber den Abschluss konkret einordnen werden.
Die Außenwahrnehmung wird deshalb eine wichtige Rolle spielen. Allerdings startet dieser Studiengang unter anderen Voraussetzungen als seinerzeit die Bucerius Law School selbst. Heute verfügt die Hochschule über einen exzellenten Ruf und ein starkes Alumni-Netzwerk. Ihre Absolvent:innen haben sich in sehr unterschiedlichen beruflichen Feldern bewährt. Dieses Vertrauen in die Institution und in die Qualität ihrer Ausbildung ist ein wesentlicher Vorteil.
“Wir wissen nicht welche neuen Berufsbilder der Rechtsmarkt hervorbringen wird. Gerade darin liegt für mich nicht nur eine Unsicherheit, sondern auch eine große Chance.”
Wer sich für den Bachelor in Recht & Digitaler Transformation entscheidet, gehört dennoch zu einer der ersten Generationen, die diesen Weg geht. Das erfordert eine bewusste Entscheidung und die Bereitschaft, sich mit den Chancen und Grenzen des Studiengangs gründlich auseinanderzusetzen. Studieninteressierte sollten daher ihre eigene Due Diligence vornehmen: Welche Inhalte werden vermittelt? Welche weiteren Bildungswege stehen offen? Welche Tätigkeitsfelder kommen infrage? Und passt diese größere Offenheit tatsächlich zur eigenen Persönlichkeit?
Neue Wege werden fast immer auch von Skepsis begleitet. Konstruktive Kritik ist wichtig, weil sie dabei hilft, Konzepte zu verbessern und Risiken realistisch einzuschätzen. Problematisch wird sie dort, wo sie Innovation und notwendige Veränderung grundsätzlich verhindert. Wir wissen heute noch nicht genau, in welchen Berufsfeldern die ersten Absolvent:innen später arbeiten werden. Wir wissen allerdings ebenso wenig, welche neuen Berufsbilder der Rechtsmarkt bis dahin hervorbringen wird. Gerade darin liegt für mich nicht nur eine Unsicherheit, sondern auch eine große Chance.
Was braucht es neben Mut und Offenheit, um neue Wege erfolgreich zu gehen?
Es braucht zunächst ein klares Verständnis davon, was man erreichen möchte und weshalb der gewählte Weg zu einem passt. In meinen Coachings stelle ich häufig die Frage: Wie sähe die berufliche Zukunft aus, wenn sie richtig gut wäre? Und was wären darüber hinaus sogar die 120 Prozent? Vielen Menschen fällt es erstaunlich schwer, einen solchen Zielzustand zu formulieren. Dabei beginnt eine gute Entscheidung genau dort - bei der geistigen Flexibilität, sich vorzustellen, was jenseits der bereits bekannten und vorgezeichneten Wege möglich sein könnte.
“Eine Vorreiterrolle entsteht nicht allein dadurch, dass man etwas anders macht. Man muss es auch verdammt gut machen.”
Zu dieser Offenheit müssen jedoch Eigenverantwortung, Reflexionsfähigkeit und die Bereitschaft kommen, die eigenen Entscheidungen immer wieder zu überprüfen. Einen neuen Weg einzuschlagen, bedeutet nicht, Risiken auszublenden. Es bedeutet, sie sorgfältig abzuwägen und sich anschließend bewusst für die darin liegenden Möglichkeiten zu entscheiden.
Bei aller Begeisterung für Innovation bleibt für mich außerdem eines unverzichtbar: Fachliche Exzellenz. Eine Vorreiterrolle entsteht nicht allein dadurch, dass man etwas anders macht. Man muss es auch verdammt gut machen.
Newsletter
Recht & Digitale Transformation
Interessiert dich der Bachelor Recht & Digitale Transformation? Wir geben dir alle Infos an die Hand, die du brauchst und informieren dich zudem über alle relevanten Termine und Deadlines.
Wie verändert sich aus Ihrer Sicht als Personalberaterin der Bedarf an juristischen Fachkräften?
Der Bedarf wird vielfältiger. Kanzleien, Rechtsabteilungen, Behörden und andere Organisationen werden auch künftig fachlich exzellente Volljurist:innen benötigen. Gleichzeitig wächst aber der Bedarf an Menschen, die juristisches Verständnis mit anderen Kompetenzen verbinden und Recht nicht isoliert, sondern im wirtschaftlichen, technologischen und organisationalen Kontext betrachten können.
In meiner täglichen Arbeit beobachte ich, dass die Erwartungen vieler Arbeitgeber derzeit ausgesprochen hoch sind. Häufig werden sehr unterschiedliche Anforderungen in einem einzigen Profil gebündelt, ohne ausreichend zu hinterfragen, welche Qualifikationen für die konkrete Aufgabe tatsächlich erforderlich sind. Das erschwert die Besetzung von Positionen und führt dazu, dass interessante Kandidat:innen mit einem alternativen Profil vorschnell ausgeschlossen werden.
"Der Rechtsmarkt befindet sich in einem Transformationsprozess. Der Bachelor kann für diesen sich verändernden Bedarf interessante neue Profile hervorbringen."
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Verharren Arbeitgeber in ihren bisherigen Strukturen oder nutzen sie den Veränderungsdruck, um ihren tatsächlichen Bedarf neu zu analysieren? Was braucht diese Kanzlei, dieses Unternehmen, diese Rechtsabteilung oder diese Behörde, um langfristig zukunftsfähig zu sein? Und welche Ausbildung, Erfahrungen und Kompetenzen sind dafür wirklich notwendig?
Das ist ein Transformationsprozess, der im Rechtsmarkt bereits begonnen hat, aber noch längst nicht überall konsequent umgesetzt wird. Allerdings ist er meiner Meinung nach unausweichlich. Die Organisationen, die ihren Bedarf differenziert betrachten und bereit sind, neben Volljurist:innen auch Menschen mit anderen juristischen Qualifikationsprofilen einzustellen, werden aus meiner Sicht einen deutlichen Vorteil haben. Der Bachelor Recht & Digitaler Transformation kann für diesen sich verändernden Bedarf interessante neue Profile hervorbringen.
Welchen Mehrwert kann der Studiengang für einen sich wandelnden Rechtsmarkt bieten?
Der Rechtsmarkt verändert sich derzeit mit erheblicher Geschwindigkeit. Technologische Entwicklungen und insbesondere der Einsatz künstlicher Intelligenz beeinflussen, welche juristischen Tätigkeiten künftig von Menschen übernommen werden und wie diese Arbeit organisiert und vergütet wird. Gleichzeitig stehen Kanzleien und Rechtsabteilungen unter wachsendem wirtschaftlichem Druck. Mandanten sind zum Beispiel immer weniger bereit, für Tätigkeiten zu bezahlen, die traditionell von Associates in den ersten Berufsjahren übernommen wurden.
Diese Entwicklung betrifft Berufseinsteiger:innen besonders. Fachliche Exzellenz bleibt unverzichtbar, wird künftig aber allein häufig nicht mehr ausreichen. Gefragt sind zunehmend Menschen, die juristisches Verständnis mit wirtschaftlichem Denken, technologischer Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit und einem Bewusstsein für organisationale Zusammenhänge verbinden.
“Der Bachelor knüpft genau da an, was die Bucerius Law School von Beginn an ausgezeichnet hat: die Bereitschaft, Entwicklungen aktiv mitzugestalten.”
Hinzu kommt eine Generation, die sehr genau wahrnimmt, wie stark sich der Arbeitsmarkt verändert, und die andere Anforderungen an ihr Berufsleben und ihre Zukunft stellt. Viele junge Menschen suchen nicht mehr nur nach einem etablierten Berufsbild, sondern nach einer Ausbildung, die ihnen unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet.
Genau darin kann der Mehrwert des neuen Studiengangs liegen. Er vermittelt ein juristisches Fundament, ohne die Studierenden von Beginn an auf einen einzigen, über viele Jahre festgelegten Berufsweg zu beschränken. Ein flexibles Programm, das aktuelle Entwicklungen aufgreift und sich mit dem Markt weiterentwickeln kann, schafft aus meiner Sicht eine wichtige Voraussetzung für berufliche Zukunftsfähigkeit.
Wie blicken Sie als Legal Recruiterin auf den Bachelor in Recht & Digitaler Transformation?
Ich begrüße diese Entscheidung ausdrücklich. Die Bucerius Law School hat seit ihrer Gründung immer wieder eine Vorreiterrolle eingenommen. Seitdem konnten wir beobachten, wie unterschiedlich die beruflichen Wege der Alumni verlaufen. Sie führen längst nicht mehr ausschließlich in Großkanzleien, die Justiz oder klassische Unternehmensfunktionen. Gleichzeitig erlebe ich als juristische Personalberaterin, Business Coach und Gastgeberin meines Podcasts zum deutschen Rechtsmarkt, wie stark sich der Markt und die Anforderungen an Jurist:innen verändern.
Vor diesem Hintergrund halte ich es für konsequent, diese Entwicklungen sehr genau zu beobachten und daraus auch Konsequenzen für die Ausbildung der Jurist:innen von morgen zu ziehen. Der Bachelor in Recht & Digitaler Transformation knüpft für mich an das an, was die Bucerius Law School von Beginn an ausgezeichnet hat, nämlich die Bereitschaft, Entwicklungen nicht nur nachzuvollziehen, sondern sie aktiv mitzugestalten.
NEWSLETTER
Der Newsletter der Bucerius Law School informiert zweimonatlich über Neuigkeiten und Termine.