Lange Zeit schien die digitale Welt ein Raum jenseits klassischer Machtpolitik zu sein: global vernetzt, effizient, innovationsgetrieben. Doch spätestens seit den eskalierenden Spannungen zwischen den USA und China wird deutlich, dass Technologie längst zu einem zentralen Instrument geopolitischer Auseinandersetzung geworden ist. Unter dem Titel “Digitale Souveränität von Unternehmen – Sind wir schon im Cold Tech War?” widmete sich das Debattenforum an diesem Abend der Frage, was diese Entwicklung für Europa, für Unternehmen und für die Gesellschaft insgesamt bedeutet.

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Digitale Souveränität von Unternehmen – Sind wir schon im Cold Tech War?
Graue Nashörner im digitalen Raum - Tech Wars, geopolitische Abhängigkeiten und die Suche nach europäischer Souveränität.

Organisiert wurde die Veranstaltung in Kooperation mit dem Verein „Politik und Gesellschaft“ sowie dem Murmann Publishers. Die Moderation übernahm Dr. Marc Philip Greitens, Alumnus der Bucerius Law School und Rechtsanwalt bei Heuking in Hamburg. Greitens strukturierte die Diskussion entlang dreier Perspektiven: der geopolitischen Einordnung, der unternehmerischen Auswirkungen und der gesellschaftlichen Dimension technologischer Abhängigkeiten.


Geopolitische Muster eines neuen Tech-Konflikts
Den analytischen Auftakt machte Dr. Thomas Ramge, gemeinsam mit Ansgar Baums Co-Autor des Buches „Die Stunde der Nashörner“ (Murmann Verlag) und digital aus Berlin zugeschaltet. Er ordnete den sogenannten „Tech War“ historisch ein und widersprach der Vorstellung eines völlig neuen Phänomens. Machtverschiebungen zwischen dominierenden und aufstrebenden Großmächten seien vielmehr der Normalfall geopolitischer Geschichte. Die gegenwärtige Konstellation zwischen den USA als langjährigen Hegemon und China als konsequent aufstrebender Macht folge bekannten Mustern; neu sei jedoch Europas Rolle in diesem Gefüge.
Europa habe sich in zentralen Bereichen in gefährliche Abhängigkeiten begeben. Besonders deutlich werde dies im digitalen Raum, wie beispielsweise bei Cloud-Diensten, Softwareplattformen und Kommunikationsinfrastrukturen. Die Folge sei eine wachsende Verwundbarkeit, die sich im Ernstfall politisch wie wirtschaftlich ausnutzen lasse.
Resilienz statt Autarkie
Ramge plädierte dafür, den Begriff der technologischen Souveränität neu zu denken. Vollständige Autarkie sei weder realistisch noch sinnvoll. Entscheidend sei vielmehr der Aufbau technologischer Resilienz. Gemeint sei die Fähigkeit, auf Druck, Ausfälle oder politische Erpressung zu reagieren, ohne handlungsunfähig zu werden.
Drei strategische Ansätze standen dabei im Zentrum: Erstens müsse Europa zentrale digitale Dienste wie etwa Cloud-Infrastrukturen oder KI-Modelle selbst abbilden können, auch wenn diese zunächst nicht die Leistungsfähigkeit globaler Marktführer erreichen. Zweitens brauche Europa mehr eigene strategische Schlüsseltechnologien, die es zu einem ernstzunehmenden Akteur im globalen Technologiegefüge machen. Drittens könne technologische Resilienz nur im Verbund durch neue Allianzen zwischen demokratischen Mittelmächten wie Kanada, Japan, Südkorea oder Taiwan gelingen.

Unternehmensperspektiven und neue Abhängigkeiten
An diese Einschätzungen knüpfte Prof. Dr. Christopher Jud, Professor für Software-Produktmanagement an der Technischen Hochschule Rosenheim und Reserveoffizier, an und konkretisierte sie aus unternehmerischer Sicht. Jud verwies auf reale Beispiele, in denen private Technologieunternehmen staatlichen Akteuren den Zugriff auf kritische digitale Fähigkeiten entzogen haben.
Gerade für mittelständische Unternehmen stelle diese Entwicklung ein erhebliches Risiko dar. Während große Konzerne über Ressourcen verfügten, um Alternativen aufzubauen, seien viele Betriebe tief in einzelne Software-Ökosysteme eingebunden. Fielen diese weg oder würden sie politisch instrumentalisiert, drohe unmittelbare Handlungsunfähigkeit.
Digitale Souveränität und Gesellschaft
Die gesellschaftliche Dimension brachte Monika Ilves, Vorstandsmitglied im Zentrum für digitalen Fortschritt und Co-Direktorin des Institute of Electronic Business, in die Diskussion ein. Digitale Souveränität lasse sich nicht allein durch staatliche Infrastrukturprojekte erreichen. Sie erfordere digitale Kompetenzen, Vertrauen in Institutionen und echte Beteiligungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger.
Studien zeigten, dass ein großer Teil der europäischen Bevölkerung Schwierigkeiten habe, Desinformation oder KI-generierte Inhalte zu erkennen. Gleichzeitig verfüge Europa mit Regelwerken wie der DSGVO, dem Digital Services Act oder der KI-Verordnung über starke normative Instrumente. Entscheidend sei jedoch deren konsequente Umsetzung und die Bereitschaft, Transparenz und Beteiligung nicht als Risiko, sondern als Ressource zu begreifen.
Ein offenes Fazit
Am Ende stand weniger ein fertiger Masterplan als eine gemeinsame Diagnose: Europas technologische Abhängigkeiten sind kein fernes Zukunftsrisiko, sondern eine gegenwärtige Herausforderung. Die grauen Nashörner sind sichtbar. Ob Europa ihnen ausweicht oder von ihnen überrannt wird, hängt davon ab, ob Erkenntnis in gemeinsames Handeln übersetzt werden kann.

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Abt. Recht & Gesellschaft
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