Haltung statt Herkunft – Mit Vielfalt gegen Antisemitismus und Fremdenhass in Deutschland

Virtuelle Veranstaltung des Studium generale am 18. November 2020 mit Max Czollek, Prof. Dr. Julia Bernstein und Burak Yilmaz, moderiert von Lena Kampf

Antisemitismus fängt nicht erst bei Vernichtungsfantasien an
 

Sich im Alltag erwünscht fühlen. Etwas, was Prof. Dr. Julia Bernstein zufolge für Menschen jüdischen Hintergrunds immer noch keine Selbstverständlichkeit sei. Es gehe um das legitime Auffallen, darum anders sein zu dürfen. Eine jüdische Perspektive auf Antisemitismus fehle nach wie vor. Generell habe es zu lange gedauert das aktuelle Problem des Antisemitismus ernst zu nehmen. Aus deutscher Perspektive sei Antisemitismus vor allem eins, ein Monstervorwurf. Die Angst vor dem Vorwurf wiege sogar schwerer als die von dem Begriff beschriebene Angst selbst. Eine Angst, die ihren Ursprung in der Vergangenheit habe. Dabei fange Antisemitismus nicht erst bei Vernichtungsfantasien an, sondern mit Ignoranz und Unwissen. Das jede Thematisierung der realen Verhältnisse zu schnell als schwerwiegender Vorwurf verstanden würde, lasse all zu leicht vergessen, dass Verhältnisse kritisiert werden, die sich nie verändert haben. Es ginge darum, dass beim jahrelangen Reden über den Holocaust vergessen wurde, über die konkreten familiären Geschichten zu reden und somit eine Entkopplung derer zur Realität stattfand. Um dies zu ändern ginge es nicht darum aggressiv „den Antisemiten“ zu suchen, sondern Kleinigkeiten zu sehen, an diesen anzusetzen und sich in seinen Gegenüber einzufühlen. Was macht der „kleine“ Witz mit ihr oder ihm? Die ausschlaggebende Mehrheit seien die Schweigenden, die sich fragen sollten, warum jüdische Präsenz immer noch keine Normalität in Deutschland darstelle.

Ansichten werden von Eltern auf ihre Kinder übertragen


Burak Yilmaz erörterte die Frage, wie man es lernt Juden zu hassen. Seine Tätigkeit als Sozialarbeiter umfasst die Projektarbeit mit Jugendlichen, welche zu genau dieser Frage unter seiner Aufsicht Szenen entwickeln sollten. Aus diesen ergab sich, dass sich Ansichten über Stereotypen von Eltern auf Kinder übertragen. Deswegen frage sich Yilmaz mit den Jugendlichen, wo Antisemitismus in deren Leben stattfinde. Die Verleugnung dessen sei nämlich zu einfach. Es sei leicht zu sagen man habe damit nichts zu tun. Es sei leicht die Situation zu verharmlosen oder zu externalisieren. Früher, woanders, wer anders, Hauptsache nicht ich. Yilmaz‘ Appell: Das Gedankengut vor die eigene Haustür holen und sich damit auseinanderzusetzen.

Streben nach einer Nationalität der radikalen Vielfalt


Der Publizist Max Czollek wünscht sich einen Paradigmenwechsel. Auch ihm fehle die jüdische Perspektive in der Öffentlichkeit. Seiner Ansicht nach, setze die momentane Bestimmung des deutschen Selbstbildes voraus, das es keinen Antisemitismus mehr gäbe, einfach weil dieser primär mit der nazideutschen Vergangenheit verknüpft sei. Antisemitismus passe einfach nicht in das Bild des Nachkriegsdeutschlands. Dieses Selbstbild basiere somit allerdings auf simplem Nichteingestehen, welches die jüdische Gemeinschaft weiterhin ausklammere und in der Position einer Parallelgesellschaft halte. Lieber sollte nach einer Nationalität der radikalen Vielfalt gestrebt werden.

Räume zur Auseinandersetzung schaffen, bei sich selbst anfangen


Die Diskussion der drei verhielt sich angeregt und war voller Gedankenanstöße. Es wurde über Leitkulturdiskussionen, Horizonterweiterung, Anpassung, Geschichtsunterricht und das Deutsche Bedürfnis nach Entlastung gesprochen. Am Ende waren sich alle einig, dass die Möglichkeit des gemeinsamen Handelns trotz der Unterschiedlichkeiten im Auge behalten werden müsse. Es sei essenziell Räume zu schaffen, um sich mit Antisemitismus auch neben der Vergangenheit auseinanderzusetzten, vor allem im jungen Alter. Zudem komme es darauf an, bei sich selbst anzufangen und die Grenzen der eigenen Komfortzone zu hinterfragen und respektvoll über den Tellerrand zu schauen, um radikaler Vielfalt eine Chance zu geben.

Hamburg