Wie soll Europa mit Russland umgehen? Diese seit Jahren drängende außenpolitische Frage stand im Mittelpunkt eines Studium generale-Abends am 19. November 2025 an der Bucerius Law School. In Kooperation mit der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS und dem Akademischen Netzwerk Osteuropa (akno e.V.) diskutierten vier Journalistinnen und Journalisten, die Russland über Jahrzehnte hinweg aus nächster Nähe beobachtet haben. Durch den Abend führte der Autor Julian Hans.
Einordnung historischer Wahrnehmungen
Zu Beginn erinnerte Julian Hans daran, wie stark das deutsche Russlandbild über viele Jahre von Erwartungen und Projektionen geprägt war. Die Bundestagsrede Wladimir Putins im Jahr 2001, in der er Russland als europäisch orientiertes Land präsentierte, sei dafür beispielhaft. Obwohl auch damals deutliche autoritäre Elemente sichtbar waren, dominierten in Politik und Gesellschaft lange die Hoffnungen auf Kooperation und wirtschaftliche Partnerschaft.
Die Gäste des Abends, Katja Gloger, Gesine Dornblüth, Vladimir Esipov und Georg Mascolo, schilderten, wie diese Wahrnehmung entstanden war und warum kritische Stimmen häufig nicht durchdrangen. Mascolo verwies auf die engen politischen und wirtschaftlichen Kontakte zwischen Deutschland und St. Petersburg in den 1990er-Jahren. Viele deutsche Akteure hätten Putin früh als verlässlichen Modernisierer betrachtet und Warnsignale in der russischen Innen- und Außenpolitik nicht ausreichend beachtet.
Vladimir Esipov beschrieb aus seiner Zeit als Polizeireporter in St. Petersburg, wie schwierig es gewesen sei, deutsche Medien für strukturelle Probleme Russlands zu sensibilisieren. Hinweise auf Verflechtungen zwischen Politik und organisierter Kriminalität stießen häufig auf Zurückhaltung. Nach seiner Einschätzung sei dies auch auf die starke Fokussierung deutscher Politik und Öffentlichkeit auf wirtschaftliche Chancen zurückzuführen.
Journalistische Verantwortung und Grenzen
Gesine Dornblüth und Katja Gloger berichteten von ähnlichen Erfahrungen in ihrer Arbeit als Korrespondentinnen. In manchen Redaktionen habe es einen ausgeprägten Wunsch nach positiven Geschichten über Russland gegeben, während kritischere Recherchen mitunter als störend wahrgenommen worden seien. Gloger betonte, dass die deutschen Medien zwar differenziert über Russland berichtet hätten, jedoch weniger über die übrigen postsowjetischen Staaten. Dadurch seien viele regionale Entwicklungen zu wenig beachtet worden.
Ein weiterer Aspekt war die gezielte Einflussnahme russischer Akteure auf Medieninhalte. Dornblüth verwies auf Fälle, bei denen redaktionelle Beiträge von russischer Seite mitfinanziert worden seien, ohne dies transparent zu machen. Solche Beispiele hätten dazu beigetragen, dass bestimmte Narrative in Deutschland lange Wirksamkeit entfalten konnten.
Politische Konsequenzen
Die Diskussion zeigte, dass die deutsche Russlandpolitik über Jahre hinweg auf die Idee setzte, Russland durch wirtschaftliche Verflechtungen stabilisieren und politisch einbinden zu können. Die enge Arbeitsbeziehung zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin bildete dafür einen Rahmen, der lange funktionierte, aber spätestens mit der Annexion der Krim im Jahr 2014 an seine Grenzen stieß. Nach Ansicht der Diskutierenden hätte dieser Moment einen klaren Bruch darstellen müssen.
Georg Mascolo erinnerte daran, dass selbst im Februar 2022 – kurz vor Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine – auf politischer Ebene versucht wurde, Russland durch wirtschaftliche Konsequenzen zum Einlenken zu bewegen. Der Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz in Moskau sei ein Beispiel dafür. Dass diese Versuche wirkungslos blieben, verdeutliche, wie stark Putin zu diesem Zeitpunkt bereits auf Konfrontation ausgerichtet war.
Entwicklungen in Georgien und der Ukraine
Im weiteren Verlauf richtete sich der Blick auf die Regionen, in denen der Konflikt mit Russland besonders deutlich spürbar ist. Gesine Dornblüth stellte Entwicklungen in Georgien und der Ukraine vor, die nach der Unabhängigkeit ähnliche Reformpfade eingeschlagen hatten, heute aber sehr unterschiedliche Wege gehen.
Georgien befinde sich zunehmend wieder im Einflussbereich Russlands, was nach Dornblüths Einschätzung auch mit der Sorge vor erneuten militärischen Auseinandersetzungen zusammenhänge. Die Ukraine habe dagegen versucht, ihren politischen Kurs stärker unabhängig zu gestalten, was den Konflikt mit Moskau weiter verschärft habe. Beide Entwicklungen zeigten, wie komplex die politischen und gesellschaftlichen Dynamiken in der Region seien.
Julian Hans stellte die Frage, ob europäische Staaten Demokratiebewegungen in Ländern wie Georgien aktiver unterstützen sollten, selbst wenn dies das Risiko politischer Spannungen erhöhe.
Vladimir Esipov wies darauf hin, dass der Ausgang des Krieges in der Ukraine schwer vorherzusagen sei und vorschnelle Schlussfolgerungen vermieden werden sollten. Dornblüth betonte, dass außenpolitische Entscheidungen sich an den Mehrheitsmeinungen der Menschen in den betroffenen Ländern orientieren müssten. Katja Gloger unterstrich, dass Europa nicht neutral bleiben könne.