Es sind zwei Wochen, die über alles entscheiden: Beim Staatsexamen müssen Studierende Stoff aus dem gesamten Jurastudium abrufen können. Das Zentrum für Juristisches Lernen (ZJL) unterstützt sie dabei.
Die große Bedeutung des Staatsexamens im Jurastudium
Geschichten von Jurastudierenden, die nervös in die Prüfungssäle tippeln und sich vor ihren Examina fürchten, kennen wohl alle. Prof. Faust, der seit 2002 an der Bucerius Law School lehrt, weiß auch, warum: „Weil sich in Jura die ganze Note aus dem Auftreten im Staatsexamen zusammensetzt.“
Im Fach Jura gibt es traditionell nicht die Möglichkeit, einzelne Bereiche während des Studiums abzuhaken und so bereits Punkte für die Abschlussnote zu sammeln. Das habe sich zwar mit der Einführung des Wahlschwerpunkts im Jahr 2005 ein wenig geändert – seither zählt der Wahlschwerpunkt zu 30 Prozent in die Endnote hinein –, aber „die entscheidende Note ist noch immer die Note im Staatsteil und die gibt es nur auf Basis des Staatsexamens“, so Prof. Faust. „Es sind zwei Wochen, die über alles entscheiden.“
Individuelle Unterstützung: Die Klausurenklinik an der Bucerius Law School
Das ist also die Ausgangslage: Die Studierenden müssen bei ihren Prüfungen in der Lage sein, Stoff aus dem ganzen Studium abzurufen. Und die Note, die sie am Ende bekommen, so Prof. Faust, ist wichtig. Sie vermag Türen zu öffnen – oder eben leider nicht. Das ist auch der Grund, weshalb der Großteil der Jurastudierenden zu Repetitor*innen geht – zu kommerziellen Kursen, die sie auf die Staatsexamina vorbereiten und die sie selbst bezahlen.
„Die Bucerius Law School wollte ursprünglich den Repetitor entbehrlich machen und diesen Service im eigenen Haus anbieten“, erzählt Prof. Faust. Deshalb beauftragte die Hochschule bald nach ihrer Gründung Prof. Dr. Erich Samson mit dem Aufbau eines Vorläufers des heutigen Zentrums für Juristisches Lernen (ZJL). Denn Prof. Samson hatte schon an der Christian-Albrechts- Universität zu Kiel mit großem Erfolg Wiederholungs- und Vertiefungskurse (WuV) etabliert.
Über die zentral organisierte Examensvorbereitung hinaus hatte Prof. Samson die Idee eines individuellen Beratungsformates, der „Klausurenklinik“. Die Studierenden können mit ihren geschriebenen Klausuren in eine individuelle Sprechstunde kommen, in der die Arbeiten methodisch analysiert werden und in der man gemeinsam überlegt, wie man den Erfolg künftig steigern könnte. Von Jahr zu Jahr wuchs der Zulauf in der Klausurenklinik vor allem durch „Mundpropaganda“ und erreicht inzwischen fast 500 Beratungstermine im Jahr. Frau der ersten Stunde in der Klausurenklinik war Katrin Walle, bis heute im Zentrum als strafrechtliche Studienleiterin tätig.
Neuausrichtung und Digitalisierung: Das Zentrum für Juristisches Lernen ab 2008
2008 wurde das Zentrum insbesondere auf Initiative von seinerzeit zwei Mitarbeitenden des Lehrstuhls von Prof. Dr. Michael Fehling – Dr. Anna-Miria Fuerst, die später Verwaltungsrichterin wurde und mittlerweile am OVG Lüneburg tätig ist, und Dr. Volker Steffahn, seit Kurzem selbst Professor an der Bucerius Law School – neu gegründet und in seinem Angebot erheblich erweitert.
Namensgeber für das neue Zentrum für Juristisches Lernen (ZJL) war Prof. Faust. Der neue Name rückte noch stärker den studierendenzentrierten Ansatz des Zentrums in den Fokus. Prof. Faust übernahm wenig später auch das Amt des akademischen Leiters des ZJL. „Weil ich hier den Ruf hatte, dass mir die Lehre sehr am Herzen liegt“, sagt er und lächelt. Prof. Faust war einer der ersten Professoren an der Bucerius Law School, die im Hörsaal das interaktive Workshop-Programm „Poll Everywhere“ einsetzten, mit dem sich bei Vorlesungen Multiple-Choice-Fragen stellen lassen, auf die die Studierenden per Knopfdruck antworten.
Schließlich sei die Zurückhaltung der Studierenden in Vorlesungen das größte Problem: „Keiner möchte sich als nicht wissend outen oder eine falsche Lösung nennen“, sagt Prof. Faust. Doch das sei bedauerlich, schließlich lebe Jura vom Dialog. Das Programm hilft dem Professor daher, die Beteiligung anzuregen: Denn die Antworten werden anonym erhoben, sofort in die Präsentation integriert und können somit gleich diskutiert werden. So aktiviert er die Studierenden, die vor ihm sitzen – mit dem Ziel: „sie für Jura zu begeistern – aber eben nicht als bloß reproduktive, sondern als problemlösende Wissenschaft.“
Vielfalt und Innovation: Neue Lernformate und Professuren im ZJL
Im Laufe der Jahre kamen im ZJL immer mehr Formate dazu, die den Studierenden beim juristischen Lernen und Anwenden helfen sollten. Darunter: Intensivkurse für Wiederholer, Tandemkurse mit angeleiteter studentischer Korrektur auf Gegenseitigkeit, Probeexamina anhand von Originalklausuren und das sogenannte Propädeutikum – ein Einführungskurs in die juristische Methodik, also das juristische Denken.
Hauptverantwortliche für jedes der drei Fächer wurden diejenigen, die bis heute die Stundenleitung in der jeweiligen Fachsäule im ZJL innehaben: Katrin Walle im Strafrecht, Dr. Volker Steffahn im Öffentlichen Recht und Dr. Olivia Czerny im Privatrecht.
Volker Steffahn steht dabei insbesondere für die Vermittlung von Methodenkompetenz für das juristische Lernen und für die Anwendung in der Falllösung. Umgesetzt hat er dies auch in Methodenskripten, Lernvideos und seiner rechtsdidaktischen Dissertation. Olivia Czerny hat besonders an der Digitalisierung in der Didaktik mitgewirkt. Neben juristischen Lernvideos hat sie zusammen mit ihrem ehemaligen Kollegen Dr. Tino Frieling vor allem das „digitale Fallbuch“ entwickelt, das in erheblichem Umfang auch für externe Studierende einsehbar ist. Anhand dessen können Studierende Schritt für Schritt digital durch eine Falllösung gehen und müssen währenddessen Fragen beantworten, die ihr Denken schulen. „Das erfreut sich großer Beliebtheit“, sagt Prof. Faust, welche in Zeiten der Pandemie noch zugenommen hat.
Und noch einen großen Erfolg hat das ZJL jüngst zu vermelden: Dr. Olivia Czerny und Dr. Volker Steffahn wurden, auch in Anerkennung ihrer langjährigen wertvollen Arbeit für das ZJL in Beratung, Lehre, Innovation und rechtsdidaktischer Forschung, im Mai 2023 beide zu Professoren für juristisches Lernen berufen. Olivia Czerny war 2022 bereits zur Direktorin des ZJL in der Nachfolge ernannt worden – in der Nachfolge von Anja Faust, die mehr als zehn Jahre die Organisationsleitung des ZJL innehatte.
Mehr Wertschätzung und Lernerfolg durch juristische Didaktik
Die juristische Didaktik an der Bucerius Law School hat damit noch einmal eine Aufwertung erfahren, von der die Studierenden sicher noch zehren werden. Und was ist der Lohn der Mitarbeitenden am ZJL? „Wenn die Studierenden sich nach erfolgreich bestandenen Examina bedanken“, sagt Prof. Faust. Oder auch, wenn sie aktiver und selbstständiger lernen. Und sich auch stärker an den Vorlesungen beteiligen.
Fragt man Prof. Faust, worauf es beim juristischen Lernen ankommt, antwortet er: „Nicht auswendig lernen, sondern nachdenken und verstehen!“ Den Studierenden sei es zwar oft am liebsten, die Professoren würden ihnen Sätze diktieren, mit denen sie das Problem in der Klausur erschlagen können. „Aber“, sagt Prof. Faust, „so funktioniert Jura nicht.“
Aus Forschungsheft 2022 | 2023
