Kriminalliteratur - Erzählbarkeit des Verbrechens. Gespräch mit Sabine Rückert von der ZEIT

Die bekannte Journalistin und Podcasterin Sabine Rückert über die Faszination von Kriminalliteratur

Am 10. Februar 2021 lud das Studium generale zu einem Gespräch mit Sabine Rückert ein. Rückert ist stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT und Gründerin des Podcasts ZEIT Verbrechen. Gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin Dr. Henrike Walter sprach sie über Kriminalliteratur und die Erzählbarkeit des Verbrechens. Insbesondere ging es darum, was einen guten Kriminalroman ausmacht, warum über das Verbrechen berichtet werden sollte und woher der besondere Reiz und die Faszination des Menschen vom Verbrechen kommen.

Wer Krimis liest, tut dies, um nicht selbst morden zu müssen

Schon seit der Antike und bis heute ist das Phänomen von Kriminalliteratur zu beobachten. Seit jeher ruft das Verbrechen eine besondere Faszination in den Menschen hervor, was auch der Grund dafür ist, dass diese Art der Literatur immer besonders populär war. Es fragt sich aber, woher diese Faszination kommt und warum wir eigentlich so gerne über das Verbrechen lesen.

Dieser Frage ging Frau Dr. Walter als erstes nach. Wer Krimis lese, tue dies, um nicht selbst morden zu müssen. In jedem Menschen stecke irgendwo tief drinnen das Verbrechen, sodass man sich mit dem Täter und den Opfern in Kriminalromanen identifizieren könne und diese deshalb besonders reizvoll für uns seien.

Im Verbrechen maximieren sich alltägliche Konflikte

Das Verbrechen stellt die maximale Ausdrucksform der alltäglichen Konflikte dar, mit denen jeder schon einmal konfrontiert war, so die Literaturwissenschaftlerin. Deshalb arbeiten wir mit der Lektüre von Verbrechen unsere eigenen Konflikte und Emotionen auf und könnten so selbst besser mit diesen umgehen. Die Kriminalliteratur nehme uns also innere Spannungen ab. Sie veranschauliche deren Entstehung und Hintergründe, sodass sie für uns greifbarer und umgänglicher werden.

Das Leistungsvermögen von Kriminalliteratur

Die Veranschaulichung von Kriminalität ist einer der Hauptaufgaben von Kriminalliteratur. Die Entstehung von Kriminalität wird nachvollziehbar geschildert und das Verbrechen als Phänomen für den Menschen somit greifbarer gemacht. Durch die Darstellung der Hintergründe und Motive kann das Verständnis eines Verbrechens gefördert werden, was dazu führt, dass es weniger unberechenbar scheint.

Kriminalliteratur nimmt uns die eigene Angst vor dem Verbrechen, zudem helfe sie uns durch die Auseinandersetzung mit den Motiven für Verbrechen bei der Aufarbeitung unserer eigenen inneren Konflikte. Man verstehe, woher das Verbrechen und die eigenen Emotionen kommen und wie man damit (gerade nicht) umgehen solle.

Die Friktion zwischen Realität und Fiktion

Kriminalliteratur kann uns aber auch in eine andere fiktive Welt entführen, wo das Verbrechen stets angelegt, berechenbar und vor allem logisch konsequent ist. Eine fiktive, literarische Darstellung des Verbrechens lebe davon, dass es ein erklärbares und durchschaubares Phänomen darstelle, wo nichts dem Zufall überlassen ist und welches vor allem stets aufgeklärt werden kann. Diese Art des Kriminalromans diene also vor allem dem grundlegenden menschlichen Bedürfnis nach Erklärungen, Rationalität und Kontrolle.

Ein Krimi kann dieses Ordnungsbedürfnis dadurch befriedigen, dass er am Ende stets ein zusammenpassendes Bild ergebe und die Welt durch Aufklärung dieses Verbrechens wieder zurechtgerückt werde. Dies stelle einen weiteren Grund dar, warum wir so gerne Kriminalliteratur lesen. Dass am Ende alles wieder in Ordnung gebracht wird, logisch erklärbar ist und die Gerechtigkeit stets siegt, konfrontiere uns nicht mit dem Schrecken und der Ungerechtigkeit von realen Verbrechen und der Fragilität unserer Gesellschaft. Das gute Ende von Krimis bestätige uns in unserem Streben nach Gerechtigkeit und nehme uns die Angst vor dem wahren Verbrechen.

Was einen guten Kriminalroman ausmacht

Bei der Frage was einen besonders guten Roman ausmacht, muss zwischen unterschiedlichen Arten von Krimis unterschieden werden. Ein guter Kriminalroman kann einerseits die besonderen Hintergründe und Motive des Verbrechens aufklären und uns lebensnah das Verbrechen schildern.

Andererseits kann er unser Bedürfnis nach Ordnung befriedigen. Er kann unsere Welt zurechtrücken, indem er den Gerechtigkeits- und Aufklärungsgedanken besonders herausstelle. In diesem Zusammenhang versprach Frau Rückert den Studierenden zum Abschluss des Abends nachträglich auch noch eine Liste mit ihren Empfehlungen besonders gelungener Kriminalromane und beantwortete die zahlreichen interessierten Fragen der Studierenden.

 

Autor*in

Niniane Denicke

Hamburg