Mit KI das Jurastudium modernisieren

Ein Gastbeitrag von Prof. Michael Grünberger in der FAZ Einspruch zur Veröffentlichung des Hamburger Protokolls: KI Edition

Hochschulprofil |

Künstliche Intelligenz verändert die juristische Arbeitswelt grundlegend. Doch das Studium bereitet nicht darauf vor. Ein Plädoyer für eine Ausbildung, die juristische und technologische Kompetenzen zusammendenkt. 

Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Wissensberufe. Generative KI macht erfahrene Fachkräfte produktiver, erschwert aber Berufseinsteigern den Zugang zum Arbeitsmarkt. An Universitäten vermitteltes Detailwissen verliert an Wert, während Erfahrungswissen aufgewertet wird. Wer im Beruf steht und KI nutzt, gewinnt. Wer einsteigt, muss neue Wege finden, um sich zu beweisen.

Für die juristischen Berufe ist dieser Befund besonders relevant. Recherche, Standardtexte, Zusammenfassungen, erste Vertragsentwürfe – genau die Tätigkeiten, mit denen junge Juristinnen ihre Karriere beginnen, werden zunehmend automatisiert. Gleichzeitig macht KI die bisher schon wichtigen Fähigkeiten zur strategischen Beratung und Verhandlungsführung sowie eine fundierte Urteilsbildung noch wertvoller. Der klassische Entwicklungspfad, auf dem junge Juristen ihr Erfahrungswissen erwerben, das sie später zu wertvollen Fachkräften macht, droht auszutrocknen.

KI nicht nur bedienen, sondern verstehen

Aktuelle Untersuchungen bestätigen das. So hat die aktuelle Studie „Legal Market Economics“ des Bucerius Legal Innovation Hub ermittelt, dass die große Mehrheit der Kanzleimitarbeiter und der Beschäftigten in Rechtsabteilungen KI-Tools bereits nutzt. Die Studie bestätigt, dass sich das Anforderungsprofil an Juristinnen verändert: Neben den Fachkenntnissen werden ökonomisches Verständnis, soziale Fähigkeiten und eine reflektierte KI-Kompetenz immer wichtiger. Fragt man bei Studenten nach, fühlen sich jedoch knapp 88 Prozent auf den Umgang mit KI schlecht bis sehr schlecht vorbereitet.

Dabei geht es nicht nur um die Fähigkeit, ein KI-System richtig zu bedienen. Vielmehr braucht es Juristinnen, die den KI-Einsatz und dessen Ergebnisse kritisch prüfen, technische Grenzen verstehen und die gesellschaftlichen Implikationen einordnen können. Wer KI benutzt, muss die Verantwortung dafür übernehmen. Das setzt ein breites Urteilsvermögen voraus; eines, das juristische Kompetenzen mit Technikverständnis und kommunikativen Fähigkeiten verbindet.

Doch genau das wird im heutigen Jurastudium nicht vermittelt. Der Grund: Das Jurastudium hat sich in den letzten Jahrzehnten – bis auf den Schwerpunktbereich – vollständig auf das Staatsexamen ausgerichtet. Der überladene Pflichtstoffkatalog der staatlichen Prüfung lässt fast keinen Raum für Neues. Das für die Noten wichtigste Prüfungsformat sind fünfstündige Klausuren ohne Hilfsmittel. Die Justizminister sind stolz auf die sogenannte Digitalisierung, die in diesem Fall heißt: Man schreibt die Klausuren jetzt mit Tastatur und nicht mehr mit dem Füller.

Wie kann das Jurastudium modernisiert werden?

Das veränderte berufliche Anforderungsprofil ist eine Chance für die Universitäten, das Jurastudium zu überarbeiten. Mit diesem Ziel haben Professorinnen, Forscher, Studenten sowie Vertreterinnen aus Prüfungsämtern, Justiz, Anwaltschaft und Legal-Tech-Unternehmen im Rahmen eines Workshops an der Bucerius Law School über das Jurastudium diskutiert. Sie entwickelten Kompetenzprofile, Lehrformate und Prüfungsformen für die juristische Ausbildung der Zukunft. Die Ergebnisse wurden am 25.03.2026 im „Hamburger Protokoll: KI-Edition“ veröffentlicht.

Der Gastbeitrag (Paywall) erschien in der FAZ Einspruch am 26.03.2026.

Text

Prof. Michael Grünberger

NEWSLETTER

Der Newsletter der Bucerius Law School informiert zweimonatlich über Neuigkeiten und Termine.