Sprache, Medien und Öffentlichkeit – wie wollen wir streiten?

Auftakt der dreiteiligen Veranstaltungsreihe zum Thema „Streitkultur“

Wie wollen wir eigentlich streiten, was ist richtig und gut? Über diese und weitere Fragen unterhielten sich die Journalistin und Ressortleiterin „Streit“ der ZEIT, Charlotte Parnack und der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen am 12. Mai 2021 an der Bucerius Law School. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Ressortleiter „Politik“ der ZEIT, Dr. Heinrich Wefing. Die Diskussion bildete den Auftakt zur dreiteiligen Reihe „Streitkultur: Die Kunst des Streitens und ihre Bedeutung für die Demokratie“ der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.

Ein Ressort über Streit, warum?

Wir befinden uns im Jahr 2019 und der Streit hat einen schlechten Ruf. Genau jetzt kommen Charlotte Parnack und Jochen Bittner mit einem neuen Streitressort in der ZEIT. Sie wollen zeigen: Streit kann auch anders. „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine“, lautet ein Zitat des Altkanzlers Helmut Schmidt. Parnack sieht darin eine Aufgabe. Streit sei aktuell verpönt, da er polarisiere. Dies könne nur dadurch behoben werden, dass sich auch die Mitte wieder einschalte. Bestes Beispiel dafür: Die Resonanz zu dem Ressort. Online habe es scharf geäußerte Kritik aus der „Medien-Bubble“ gegeben. Von ZEIT-Leser*innen hingegen erreiche Parnack überwiegend positives Feedback. Auch Pörksen erkennt in dem Ressort mehr Chance als Hetze. Seriöser Journalismus habe eine Aufgabe, und zwar die Mediation gesellschaftlicher Konflikte.

Guter Streit und seine Grenzen

Für einen guten Streit brauche man, da sind sich Parnack und Pörksen einig:

  • Positionen, die möglichst weit auseinander liegen,
  • eine klar formulierte Frage und
  • am Ende idealerweise eine Annährung sowie die Anerkennung von Schnittpunkten.

Aber muss man sich denn mit jedem streiten und jeder Meinung ein Gehör geben? Parnack zufolge höre guter Streit dort auf, wo nur noch geleugnet werde. Ebenso bei Ansichten, welche sich fern unserer Verfassung bewegen.

Pörksens Empfehlung: sich fragen, inwiefern sich der Streit überhaupt lohnt. Man müsse weg von der Neutralität und hin zum erkämpften Objektivismus. Das gelinge, indem wir Sachen prüfen und danach diskutieren, anstatt „uns mit höflicher Neutralität Absurditäten anzuhören“.

Intellektuelles Schlammwerfen im diskursiven Wrestling-Käfig

Die aktuell vorherrschende Streitkultur lasse sich mit einem Stichwort beschreiben: Confrontainment. Wütender Schlagabtausch, vorzugsweise im Internet, zwischen möglichst intellektuellen und bekannten Persönlichkeiten zum Zwecke der Unterhaltung. Auch, wenn die Kommentarspalten des Internets durchaus reflektierte, abgewogene Beiträge beinhalteten, würden diese überschattet von kurzbündigen, auffallenden Wutphrasen. Dies führe dazu, dass sensible Geister abtauchen und die Wütenden immer wütender werden, meint Pörksen.

Nach einem eigenen kleinen Streitgespräch der drei Diskutierenden über die Corona Situation kam der Abend zum Ende. Einigkeit herrschte darüber, dass es den Streit braucht, und zwar dringender denn je zuvor. Ebenso müsse dieser allerdings in eine Richtung reformiert werden, in der auch die Mitte wieder „mitstreitet“ und somit Konsens überhaupt möglich wird. Ansonsten verliere der Streit seinen guten Zweck und übrig bliebe bloßes Schlammwerfen.

Autor*in

Paula Bluck, Arne Lemke

Hamburg