„Eine Organisation darf nie aufhören zu lernen“

Interview mit Professorin Dr. Doris König, Richterin und Vizepräsidentin des Bundesverfassungsgerichtes und ehemalige Präsidentin der Bucerius Law School zum 20. Jubiläum Deutschlands erster privater Hochschule für Rechtswissenschaft

Im Jahr 2000 wurde Doris König die erste Professorin der Bucerius Law School, in 2012 ihre erste Präsidentin. Auch nach ihrer Berufung an das Bundesverfassungsgericht 2014 verbindet sie eine enge Beziehung mit der Hochschule. Wie sie die Anfänge der Bucerius Law School erlebt hat, was sie aus heutiger Sicht in den Gründungsjahren anders gemacht hätte und was sie jungen Frauen rät, die eine Karriere in der Rechtwissenschaft anstreben, verrät sie im Interview.
 

Können Sie sich noch daran erinnern, wann der erste Kontakt zum Projekt Bucerius Law School stattfand? 

Das war die Stellenanzeige, auf die ich mich beworben habe. Bewerbungsfrist 31.12.1999. Eine Professur in meiner Wohnstadt Hamburg war natürlich hochattraktiv für mich. Im März 2000 fand ein Vorstellungsgespräch statt: Ich berichtete über das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, „Frauen in der Bundeswehr“, und erntete ziemlich viel Gegenwind. Zum Glück kam trotzdem ein Angebot für eine Professur. 
 

Was hat Sie an der Aufgabe gereizt? 

Man bekommt nicht häufig im Leben die Chance, an etwas wirklich Neuem mitzuwirken. In den 1970er Jahren wurden viele Universitäten in Deutschland gegründet, aber für meine Generation gab es nicht so viele Möglichkeiten etwas Neues aufzubauen. Und weil ich selbst nach dem ersten Staatsexamen in den USA ein Master-Studium draufgesetzt hatte, kannte ich die effektive und verschulte Form der Lehre an den amerikanischen Law Schools aus erster Hand. Das haben wir mit dem Trimester-System und den vielen Prüfungen dann ja auch aufgegriffen. 
 

War die Law School eine Art akademisches Start-up?

Nun ja, also nicht im kommerziellen Sinne, weil man mit Lehre hierzulande nicht viel Geld verdienen kann. Aber weil es ein neues Projekt war, das sich quer zum Mainstream gelegt hat, trifft der Begriff vielleicht doch zu. Ich kann mich an die Klausurtagungen mit dem Gründungspräsidenten Hein Kötz und Herrn Göring von der ZEIT-Stiftung erinnern. Wir waren fünf relativ junge Leute, die sehr konstruktiv und tatkräftig versuchten, eine mitreißende Form der Lehre zu entwickeln. Wir haben damals zum Beispiel bereits Skripten für alle Vorlesungen geschrieben, damit die Studierenden die Inhalte besser nachlesen können. Aber natürlich mussten wir manche unserer vermeintlich guten Ideen auch an die Realität anpassen. 
 

Zum Beispiel? 

Es stellte sich heraus, dass wir mit unserem unglaublich dicht getakteten Zeitplan zumindest einige der Studierenden überforderten. Wir mussten mehr Feedback und Übungsklausuren einplanen.  
 

Was für ein Geist herrschte damals an der Law School?

Eine echte Aufbruchsstimmung. Es gibt an der Bucerius Law School einen ganz besonderen Spirit: neue Ideen aufgreifen und dann mit voller Power in kürzester Zeit umsetzen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Schaffung unserer Law Clinic. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir eine kleine Hochschule sind – man kennt sich besser, die Wege sind kürzer. Zu Beginn war natürlich auch Improvisationsgabe gefordert, die Fähigkeit, Widrigkeiten auszuhalten und trotzdem eine gute Lehre zu bieten. Wegen erheblicher Bauarbeiten haben wir Vorlesungen teilweise im Festsaal des Restaurants Seeterrassen von Planten un Blomen gehalten. Die Heizung fiel aus, Studierende schrieben in Daunenjacken ihre Hausarbeiten. Da hat sich seit diesen Tagen natürlich viel, viel verändert. Die Organisation lernt immer dazu. Und das soll auch nie aufhören.
 

Gibt es etwas, was Sie aus heutiger Sicht anders machen würden? 

Wir hatten die Idee, im Schwerpunktbereich Internationales Recht die strikte Trennung zwischen öffentlichem und privatem Recht aufzulösen, um ein besseres Verständnis für den jeweils anderen Bereich zu fördern. Denn vieles im internationalen Privatrecht beruht ja auf völkerrechtlichen Verträgen, vor allem aber auf EU-Verordnungen und Richtlinien. Das ließ sich nicht durchsetzen, weil es zu viel Prüfungsstoff geworden wäre. Und das bedauere ich heute noch ein wenig. 
 

Was waren für Sie die Meilensteine in der Evolution der Law School? 

Ein wichtiger Wendepunkt war, die Examensvorbereitung komplett inhouse und durch die eigenen Professorinnen und Professoren machen zu lassen. Das war ein echter USP der Law School. Dann natürlich die Etablierung des Master of Law and Business, der die enge Verflechtung von Recht und Wirtschaft abbildet. Und die Einrichtung des Zentrums für Juristisches Lernen, an dem neue Didaktik-Methoden erdacht und erprobt werden. Es hat sicher einen erheblichen Anteil an den guten Examensergebnissen. 


Welche Ziele hatten Sie als Präsidentin der Law School? 

Ich habe mich bemüht, die Internationalisierung noch weiter in den Vordergrund zu rücken. Damals haben wir auch eine Gleichstellungsperson eingesetzt und versucht, die Chancengleichheit von Frauen im Kollegium und unter den Studierenden zu verbessern. Zu Beginn hatten wir knapp 33 Prozent Frauenanteil unter den Studierenden, zwanzig Jahre später sind es gut 46 Prozent. Und während es die ersten vier Jahre immer hieß „Meine Herren, liebe Frau König“, sind heute etwa ein Viertel der hauptamtlichen Professuren von Frauen besetzt. Aber da ist immer noch Luft nach oben. 
 

Was würden Sie jungen Frauen raten, die heute eine juristische Karriere anstreben?  

Man braucht eine ganze Menge Durchhaltevermögen. Und wenn man auf so patriarchale Verhaltensweisen trifft – „ach Kindchen“ –, da muss man sich wehren. In der Rückschau muss ich sagen: Das habe ich selbst leider nicht in jeder Situation gewagt. Ansonsten muss jede Frau in sich hinein hören und ihren eigenen Weg finden: Will man sich zu 100 Prozent in der Karriere engagieren oder wünscht man sich Zeit mit der Familie? Aber diese Frage stellen sich Männer ja zunehmend auch. 
 

Was wünschen Sie der Bucerius Law School zum 20. Geburtstag? 

Ich sag es ganz altmodisch: Ad multos annos! Viele, viele Jahre des Bestehens und des Erfolges. Und dass sie sich den Pioniergeist ein Stück weit bewahren möge. 
 

Das Interview führte Tobias Moorstedt.

Hamburg