Warum hast Du genau dieses Praktikum gewählt?
Die Wahl für mein Einführungspraktikum fiel mir überraschend leicht, als ich das Angebot von Strafrecht Alster in der Bucerius-Praktikumsvergabe sah. Mich hat schon während der ersten Semester die Frage bewegt, wie im Strafrecht ein gerechter Ausgleich zwischen individuellen Schicksalen und gesellschaftlichen Interessen gefunden werden kann.
Besonders reizte mich die Perspektive der Verteidigung – ein Bereich, der mir bis dahin völlig neu war. Ich wollte unbedingt verstehen, wie es einem Strafverteidiger gelingt, in einem oft schwer belasteten Mandanten nicht nur den „Beschuldigten“, sondern auch den Menschen dahinter zu sehen und seine Interessen zu vertreten.
Die Kanzlei von Rechtsanwalt Alexander Kirmeß versprach durch ihre breite strafrechtliche Ausrichtung genau das: Abwechslungsreiche Einblicke, direkten Kontakt zu Mandant:innen und die Möglichkeit, den Berufsalltag aus einer mir noch unbekannten Perspektive kennenzulernen.
Was hat Dich während Deines Praktikums besonders beeindruckt?
Am meisten beeindruckt hat mich die Nähe zur Praxis. Ich durfte von Anfang an nicht nur beobachten, sondern wurde aktiv eingebunden – etwa bei der Erstellung von Aktenvermerken oder gezielten Recherchen zu Rechtsfragen.
Besonders eindrücklich war der Besuch in der Untersuchungshaft, den ich gemeinsam mit Alex wahrnehmen konnte. Dieses Gespräch unter extremen Bedingungen hat mir sehr klar vor Augen geführt, dass ein zehnminütiges Gespräch im Zweifel über Monate von Untersuchungshaft für einen Menschen entscheiden kann und mit welch menschlichen und emotionalen Dimensionen Strafverteidigung zu tun hat.
Auch die vielen Gerichtsverhandlungen, bei denen ich dabei sein durfte, waren wertvoll: Sie zeigten mir nicht nur die praktische Anwendung der StPO, sondern ließen mich die Verteidigungsperspektive hautnah miterleben.
Zu sehen, wie aus der Rechtstheorie im Hörsaal plötzlich lebendige, strategische Argumentationsmuster vor Gericht werden, war für mich ein absoluter Mehrwert.
Was war ungewohnt für Dich, vielleicht sogar blöd?
Ungewohnt – und anfangs auch befremdlich – war für mich der Umgang mit Akten, die schwere Gewalt- oder Tötungsdelikte betrafen. Die Konfrontation mit den Details solcher Fälle, gerade wenn es um den Vorwurf eines sehr schweren Verbrechens geht, war emotional nicht einfach.
Man liest nicht mehr „nur“ über einen Fall, sondern hat Fotografien, Gutachten und Zeugenaussagen, teils von Kindern, vor sich. Diese Distanzlosigkeit zur Realität des Verbrechens war neu für mich und erforderte eine gewisse innere Verarbeitung.
Rückblickend war sie aber auch ein wichtiger Lernprozess: Sie hat mir gezeigt, unter welchem emotionalen Gewicht diese Arbeit manchmal steht und wie essenziell eine professionelle, aber dennoch menschliche Herangehensweise ist.
Inwiefern hat das Praktikum Deinen Berufswunsch beeinflusst?
Das Praktikum hat mir eine faszinierende Berufsperspektive eröffnet, die ich so vorher nicht kannte. Die Arbeit an echten Fällen, der direkte Mandantenkontakt und die strategische Prozessführung haben mir eine erste Perspektive auf den Beruf des Strafverteidigers ermöglicht.
Gleichzeitig wurde mir aber auch bewusst, dass die ständige Konfrontation mit schweren Schicksalen und menschlichen Abgründen auf Dauer eine hohe psychische Belastung darstellen kann.
Für mich persönlich wäre es vermutlich schwer, ein Berufsleben lang diese vielen Einzelschicksale zu tragen. Ich bleibe aber sehr dankbar für die gewonnenen Einblicke und sehe die Erfahrung als wertvolle Bereicherung – auch für eventuelle spätere Tätigkeiten in anderen Rechtsgebieten.
Was würdest Du Studienanfänger:innen raten?
Traut euch, in Bereiche reinzuschauen, die ihr noch nicht kennt – gerade die Strafverteidigung bietet eine einzigartige und im Studium unterbelichtete Perspektive auf das Recht. Nutzt euer Praktikum, um Menschen und ihre Geschichten hinter den Akten kennenzulernen – genau dazu ist Recht da. Seid mutig, stellt Fragen und scheut euch nicht davor, auch mal mit schweren Inhalten konfrontiert zu werden.
Und vielleicht mein wichtigster Rat: Achtet auch ein wenig auf euch selbst. Ein gewisser professioneller Humor, wie Alex Kirmeß ihn definitiv nicht missen lässt, oder die Fähigkeit, Dinge nicht immer mit nach Hause zu nehmen, gehören mit dazu.
Es ist vollkommen okay, wenn ihr nach dem ersten Praktikum feststellt: „Das ist bewundernswert, aber auf Dauer nichts für mich.“ Es ist ja der Sinn der Sache, am Ende genau das herauszufinden.
Jakob, vielen Dank für das Interview!