„Einmal, zweimal, keinmal" - zwischen Philosophie, Politik und persönlicher Erfahrung

Robert Habeck und Fritz Breithaupt sprachen darüber, wie Erfahrungen unser Leben und unsere Politik prägen.

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Am 18. Mai 2026 lud die Bucerius Law School zu einer besonderen Podiumsdiskussion: Der ehemalige Vizekanzler Dr. Robert Habeck und der Literatur- und Kognitionswissenschaftler Prof. Dr. Fritz Breithaupt diskutierten über die Frage, wie Erfahrungen – erlebte, wiederholte und imaginierte – unser Denken, Handeln und politisches Urteilen prägen. Das vollbesetzte Auditorium erlebte ein nachdenkliches, persönliches und bisweilen humorvolles Gespräch zwischen zwei alten Freunden.

Einmal – Die Kraft des ersten Mals

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Präsidenten der Bucerius Law School, Prof. Dr. Michael Grünberger, eröffnete Breithaupt den Abend mit einer Beobachtung über die besondere Bedeutung erster Erfahrungen. Erste Erfahrungen, so Breithaupt, seien „mentale Tätowierungen“ – Erlebnisse, die sich tief einprägen und später als Referenzpunkte dienen. Zugleich werde jedes erste Mal von Erwartungen begleitet. Die Vorstellung dessen, was kommen wird, gehöre zur Erfahrung bereits dazu – und damit auch die Möglichkeit der Enttäuschung.

Für einen besonders persönlichen Moment sorgten die beiden Gesprächspartner, als sie von ihrer ersten Begegnung erzählten – ihrem gemeinsamen „ersten Mal“.

Zweimal – Wie Erfahrungen erzählt werden

Im zweiten Teil des Gesprächs stand die Wiederholung im Mittelpunkt. Breithaupt argumentierte, dass Erfahrungen durch Wiederholung und die Erzählungen darüber fortlaufend verändert werden. Prägend sei oft weniger das Ereignis selbst als die Bedeutung, die wir ihm im Nachhinein zuschreiben.

Habeck griff diesen Gedanken auf und stellte seine politische Dimension heraus. Wenn Erfahrungen wesentlich durch ihre Erzählung geprägt werden, stellt sich die Frage, was dies für eine Gesellschaft bedeutet, in der unterschiedliche Gruppen dieselben Ereignisse zunehmend unterschiedlich deuten. Wer bestimmt die Erzählung einer Erfahrung? Und was geschieht, wenn gemeinsame Deutungen verloren gehen?

Keinmal – Die Macht des Vorstellbaren

Im dritten Teil wandte sich das Gespräch den Erfahrungen zu, die wir nie gemacht haben – den imaginierten Erfahrungen. Breithaupt verstand darunter Vorstellungen möglicher Zukünfte, Hoffnungen und Befürchtungen, die unser Handeln beeinflussen, obwohl sie noch nicht eingetreten sind.

Habeck lenkte den Blick auf die Gegenwart. Klimakrise, Künstliche Intelligenz oder geopolitische Konflikte seien Beispiele für solche imaginierten Erfahrungen. Auffällig sei dabei, dass viele Zukunftsbilder heute vor allem von Verlust- und Krisenerwartungen geprägt seien. Daraus ergab sich eine zentrale Frage des Abends: Wie lassen sich positive Zukunftsvorstellungen entwickeln, die gesellschaftlichen Zusammenhalt stiften können?

Habeck zeigte sich zurückhaltend. In einer zunehmend polarisierten Öffentlichkeit werde nahezu jedes Ereignis sofort politisch gedeutet. Gemeinsame Erfahrungen entstünden zwar noch, ihre Interpretation falle jedoch oft schnell wieder auseinander. Krisen könnten kurzfristig Verbundenheit erzeugen, seien aber selten dauerhaft identitätsstiftend.

Nach dem Austausch auf dem Podium stellten sich Breithaupt und Habeck den Fragen des Publikums. Dabei wurde deutlich, dass die Diskussion über Erfahrungen weit über individuelle Lebensgeschichten hinausweist. Sie berührt grundlegende Fragen des politischen Zusammenlebens: Wie entstehen gemeinsame Wirklichkeiten – und wie prägen Erinnerungen und Zukunftsvorstellungen unser Handeln?

Breithaupt verabschiedete das Publikum schließlich mit einem ebenso einfachen wie praktischen Rat: Wer Erfahrungen machen wolle, müsse bereit sein, Routinen zu verlassen und immer wieder Neues auszuprobieren.

Auch beim anschließenden Empfang wurden diese Fragen noch lange weiterdiskutiert. 

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Abt. Recht und Gesellschaft

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