Am 19. Mai 1906 kam in Hamm ein Junge zur Welt, der denselben Weg wie sein Vater, ein promovierter Jurist und Unternehmens-Syndikus, hätte einschlagen können. Aber dabei blieb es nicht; es kamen bedeutende Ereignisse und berufliche Wegmarken nach 1945 hinzu. Gerd Bucerius wurde Politiker und CDU-Bundestagsabgeordneter (bis 1962), Verleger von STERN (bis 1973) und DIE ZEIT (bis 1995). Er war in all diesen Funktionen ein bedeutender Anstifter und Beweger, auch und besonders im Bereich der Bildung.
Der Gymnasiast Gerd Bucerius legte sein Abitur 1924 an der reform-pädagogischen Lichtwarkschule in Hamburg-Winterhude, der heutigen Heinrich-Hertz-Schule, ab. Er studierte anschließend Jura in Freiburg, Hamburg und Berlin und promovierte 1935 an der Universität Hamburg bei Albrecht Mendelssohn Bartholdy mit der Studie: „Der Zeitpunkt des Eigentumsverlustes an beschlagnahmten und liquidierten Gütern rechtsvergleichend dargestellt am englischen, amerikanischen und deutschen Beschlagnahmerecht des Weltkrieges.“
Dem Nationalsozialismus stand er ablehnend gegenüber, verteidigte als Rechtsanwalt auch jüdische Mandanten, wie den Reeder Arnold Bernstein, und war als Syndikus für ein Hamburger Unternehmen für Notbehelfsbauten tätig.
Goldene Zeiten für DIE ZEIT
Nach 1945 war Bucerius einer von vier Mitbegründern der Wochenzeitung DIE ZEIT, was damals einer Lizenz zum Gelddrucken gleichkam. In den fünfziger Jahren geriet das Blatt in schwere Liquidationskrisen, aus denen es sich erst in den sechziger Jahren befreien konnte. Die ZEIT profitierte von den Bildungsreformen der sechziger Jahre und den Neugründungen von Hochschulen : ihre Auflagenhöhe überschritt 1965 dauerhaft die 200.000er Marke und wurde eine Art „Zeitung der Lehrer und Bildungsbürger“.
Der Verleger Bucerius war eigentlich immer an Neuem interessiert, sei es bei Innovationen im deutschen Hochschul- und Bildungsbereich oder bei der eigenen Zeitung, wo er etwa die Magazin-Beilage gegen Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff durchsetzte.
So kam es, dass die 1971 gegründete ZEIT-Stiftung eine der ersten Förderer der privaten Hochschule Witten-Herdecke wurde, um einem gewissen Stillstand und Praxisferne in der Hochschulpolitik etwas Neues entgegenzusetzen. Das Aufbaumodell in Witten-Herdecke finanzierten Bertelsmann-, Krupp-, ZEIT-Stiftung und die Deutsche Bank, so dass 1983 die ersten Studenten der Humanmedizin den Studienbetrieb aufnahmen.
Förderung junger Talente
Für die Ausbildung von Nachwuchsjuristen setzte sich Gerd Bucerius noch persönlich ein. Er initiierte 1993, zwei Jahre vor seinem Tod, das Bucerius-Jura-Programm bei der Studienstiftung des deutschen Volkes, wobei heutzutage Juristen eine Förderung für ihren Forschungs- oder Studienaufenthalt im Ausland erhalten können.
Die Idee zu einer privaten Rechtshochschule nach dem Vorbild einer amerikanischen Law School in Hamburg kam 1997/98 auf. Die ZEIT-Stiftung beendete ihr Engagement in Witten/Herdecke und entschloss sich zur Gründung ihrer eigenen privaten Hochschule.
Gerd Bucerius hat die Eröffnung des Studienbetriebs nicht mehr erlebt, er starb 1995. In seinem bewegten Leben brauchte es Mut, Ausdauer und Risiko, es war verbunden mit Zweifeln und vielen Rückschlägen. Er wäre sicher beeindruckt und auch ein wenig stolz, heutzutage über den Campus und die Räume der Bucerius Law School zu laufen. Ohne diesen verlegerischen und erfolgreichen Unternehmer würde es diesen besonderen Ort der Bildung nicht geben.
