Schiedsinstitutionen im Fokus der 10. Bucerius HIAD Conference

Internationale Gäste diskutierten in Hamburg über die sich wandelnde und wachsende Rolle von Schiedsinstitutionen in der Streitbeilegung

Forschung & Fakultät |

Am 24. März 2026 fand an der Bucerius Law School die 10. Bucerius HIAD Conference im Rahmen der Hamburg International Arbitration Days (HIAD) statt. Mehr als 100 Teilnehmende aus Praxis und Wissenschaft kamen im Helmut Schmidt Auditorium zusammen, um über die Rolle von Schiedsinstitutionen in der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit zu diskutieren. Veranstaltet wurde die Konferenz vom Center for International Dispute Resolution (CIDR) der Bucerius Law School gemeinsam mit dem Centro de Arbitragem e Mediação (CAM-CCBC – also der brasilianischen Schiedsinstitution), dem Hamburg Arbitration Circle e.V. und Rechtsstandort Hamburg e.V.

 

Die Rolle von Schiedsinstitutionen neu gedacht

Im Zentrum der Konferenz stand die Frage, welche Funktion Schiedsinstitutionen heute einnehmen: Sind sie vor allem für die Organisation von Verfahren zuständig oder prägen sie zunehmend deren Ablauf und Ergebnisse? Unter dem Titel „The Role of Arbitral Institutions in International Arbitration – Gatekeeper, Guardian or Quasi-Judge?“ wurde deutlich, dass ihre Bedeutung in den letzten Jahren erheblich gewachsen ist und stetigen Veränderungen unterliegt.

„Die Diskussionen haben gezeigt, wie dynamisch sich die internationale Schiedsgerichtsbarkeit entwickelt und dass Schiedsinstitutionen heute weit mehr sind als reine Verfahrensverwalter – sie nehmen eine zunehmend prägende Rolle ein.“
Professor Dr. Stefan Kröll


Den Auftakt machte Dr. Christian Johannes Wahnschaffe mit einer Keynote, in der er Schiedsinstitutionen als bislang unterschätzte Akteure („uncharted stakeholders“) beschrieb. Er zeigte auf, dass es kein einheitliches Verständnis ihrer rechtlichen Einordnung gibt und dass ihre Entscheidungen zunehmend Einfluss auf Schiedsverfahren nehmen. Seine Ausführungen bildeten zugleich den inhaltlichen Rahmen für die anschließenden Paneldiskussionen, die diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven vertieften.

In der anschließenden Paneldiskussion zur Parteiautonomie wurde beleuchtet, wie weit Parteien ein Verfahren selbst gestalten können – und wo institutionelle Regeln Grenzen setzen. Professor Dr. Hrvoje Sikirić (Universität Zagreb) und Professor Dr. Renata Steiner (Fundação Getulio Vargas, São Paulo) brachten unterschiedliche Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis ein. Anhand von Fallbeispielen wurde deutlich, dass diese Spannung in der Praxis häufig zu Konflikten führt, insbesondere wenn Parteien versuchen, von etablierten Verfahrensregeln abzuweichen. Moderiert wurde das Panel von Dr. Carina Alcoberro Llivina (Co-Head of Case Management der DIS – Deutsche Institution für Schiedsgerichtsbarkeit, Berlin).

Integrität des Verfahrens und Fragen der Haftung
 

Im nächsten Panel stand die Frage im Mittelpunkt, wie Schiedsinstitutionen zur Sicherung fairer Verfahren beitragen. Luíza Kömel FCIArb (Generalsekretärin der CAM-CCBC) moderierte den Austausch zwischen dr hab. Beata Gessel-Kalinowska vel Kalisz (Polish Academy of Sciences / GESSEL Attorneys at Law) und Cesar Pereira C.Arb FCIArb (Präsident des CIArb – Chartered Institute of Arbitrators), die darüber diskutierten, wie Institutionen Verfahrensgrundsätze wie Gleichbehandlung, Transparenz und Effizienz gewährleisten können. Dabei ging es unter anderem um den Umgang mit Ablehnungsanträgen gegen Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen aus institutioneller Perspektive sowie um institutionelle Mechanismen zur Qualitätssicherung. Deutlich wurde, dass die Wirksamkeit solcher Instrumente maßgeblich von ihrer konsistenten Anwendung abhängt und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Eingriff und Zurückhaltung erfordert.

Im darauffolgenden Panel zur Haftung von Schiedsinstitutionen diskutierten Prof. Dr. Mariana França Gouveia (NOVA School of Law, Lissabon) und Bucerius Alumnus Dr. Lukas Schultze-Moderow (Gleiss Lutz) unter der Moderation von Professor Dr. Stefan Kröll unterschiedliche rechtliche Ansätze – von weitgehender Immunität bis hin zu vertraglicher Haftung. Im Fokus stand die Abgrenzung zwischen administrativen und quasi-gerichtlichen Funktionen von Institutionen sowie die Frage, unter welchen Voraussetzungen eine Haftung überhaupt in Betracht kommt. Unter Rückgriff auf Rechtsprechung und rechtsvergleichende Perspektiven wurde deutlich, dass Klagen gegen Schiedsinstitutionen zwar zunehmen, tatsächliche Haftungsfälle jedoch die Ausnahme bleiben.

Den Abschluss bildete eine kurze Debatte im Oxford-Stil zur Offenlegungspflicht von Finanzierungsvereinbarungen mit Prozessfinanzierern (sog. Third-Party Funding). Das abschließende Panel der Konferenz greift traditionell ein aktuelles Problem des jeweils laufenden Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot auf. Das Publikum wurde einbezogen und stimmte vor und nach der Debatte zur Frage ab.
 

Austausch, Netzwerk und Ausblick

Neben den inhaltlichen Diskussionen bot die Konferenz zahlreiche Gelegenheiten zum Austausch zwischen internationalen Experten, Nachwuchsjuristinnen und Studierenden. Sie bildet das Herzstück der Hamburg International Arbitration Days und trägt zur internationalen Vernetzung sowie zum Austausch im Bereich der Schiedsgerichtsbarkeit bei.

Das Center for International Dispute Resolution (CIDR) an der Bucerius Law School bietet einen institutionellen Rahmen für Forschung, Lehre und Austausch im Bereich der internationalen Streitbeilegung. Es bündelt die entsprechenden Aktivitäten der Hochschule und fördert insbesondere den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis.

Fazit

Die 10. Bucerius HIAD Conference hat gezeigt, dass Schiedsinstitutionen längst mehr sind als reine Administratoren. Sie prägen Verfahren, setzen Standards und tragen entscheidend zur Legitimität internationaler Schiedsgerichtsbarkeit bei. Gerade deshalb bleibt ihre Rolle ein zentrales Thema für Forschung und Praxis – auch über die nächste Konferenz hinaus.

Save The Date: Die 11. Bucerius HIAD Conference wird am 16. März 2027 stattfinden und erneut aktuelle Entwicklungen der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit aufgreifen. Einen Eindruck vergangener Veranstaltungen gibt es auf der Seite des Center for International Dispute Resolution.

Text

Stefan C. Endeward

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