Interview: „Die Rechtswissenschaft profitiert enorm von Innovationen“

Die Bucerius Law School will das Jurastudium fit für die Zukunft machen. Dafür hat sie das Alumni Center for Teaching and Learning gegründet.

Das Alumni Center for Teaching and Learning (ACTL) ist ein Zusammenschluss des Zentrums für Juristisches Lernen und des Learning Innovation Lab. Es hat zum Ziel, neue Impulse in der Lehre zu setzen und konkrete Lösungen für die Herausforderungen des klassischen Jurastudiums zu finden. Ermöglicht wurde die Gründung nach einer Spende in Höhe von 100.000 Euro des Alumni Vereins der Hochschule.

Die akademische Leitung übernehmen Prof. Dr. Olivia Czerny und stellvertretend Prof. Dr. Volker Steffahn. Geschäftsführender Direktor wird der bisherige Leiter des Learning Innovation Lab, Sven Störmann, der auch Alumnus der Hochschule ist. 

 

Ein Gespräch mit dem Leitungsteam über die Vision und praktische Arbeit des neuen Zentrums.

Wie kann das ACTL dazu beitragen, die juristische Lehre zu modernisieren?

Olivia Czerny: Das Alumni Center for Teaching and Learning soll vom Studienstart bis zur Examensvorbereitung Ideengeber und Sparringspartner für die Lehrenden sein. Gleichzeitig möchte es Studierende darin stärken, ihre Methodenkompetenzen zu erweitern. Und es unterstützt bei der Vor- und Nachbereitung von Klausuren und dem Examen. Zusätzlich sollen neue Ideen ausprobiert und innovative Formate getestet werden – niedrigschwellig, schnell und iterativ. 

Sven Störmann: Wir beobachten seit Langem, dass das Jurastudium vor großen Herausforderungen steht: die Rechtsordnung wird komplexer, technologische Entwicklungen verändern Berufsbilder rasant und die Erwartungen an Jurist:innen verschieben sich entsprechend. Gleichzeitig erwarten die Studierenden Lehrkonzepte, die didaktisch moderner und näher am Arbeitsmarkt sind. Gute Lehre steckt tief in der DNA unserer Hochschule. Für uns ist es deshalb konsequent, mit dem Zentrum eine Einrichtung zu schaffen, die alle bisherigen Maßnahmen um gute Lehre bündelt und weiterentwickelt.

Welche Expertise kommt dort zusammen?

Olivia Czerny: Hier treffen fachdidaktische Exzellenz und innovationsgetriebene Hochschulentwicklung aufeinander. Das ACTL bündelt die Stärken zweier bewährter Einrichtungen: des Zentrums für Juristisches Lernen (ZJL) und des Learning Innovation Lab (LIL). Im Zentrum für Juristisches Lernen liegt der Fokus auf dem juristischen Lernen und methodischer Kompetenz. Wir bieten für die Studierenden unter anderem individuelle Unterstützung im Studium und wir bereiten mit verschiedenen Kursen auf Klausuren und Examen vor.

Sven Störmann: Das Learning Innovation Lab ist auf die Bedürfnisse unserer Lehrenden zugeschnitten. Sie lernen hier neue Methoden in der Lehre kennen und setzen konkrete Projekte um. Eines der Erfolgsprojekte ist die digitale Lernplattform „dskrpt“, die Jura-Studierenden deutschlandweit das Lernen erleichtert. Lehrmaterialien werden dort digital aufbereitet und online verfügbar gemacht. Beide Einrichtungen im ACTL zusammenzuführen setzt Synergien frei, die wir gut nutzen können.

Mit welchen Themen werdet ihr euch im ACTL beschäftigen? 

Sven Störmann: Das neue Zentrum wird bewährtes Fortsetzen und gleichzeitig einen Fokus auf Innovation in der Fach- und Hochschuldidaktik legen. So sollen etwa Vorschläge für neue Lehr- und Lernformate entwickelt werden, um klassische Vorlesungen sinnvoll zu ergänzen. Auch die Methodenkompetenz und Förderung des eigenständigen, selbstgesteuerten Lernens sollen gestärkt werden. Im Bereich Digitalisierung wollen wir generative KI in die Lehre und Examensvorbereitung integrieren. Zusätzlich erforschen wir den didaktischen Nutzen digitaler Tools, von Lernfragen bis hin zu VR-Szenarien.

Weitere Informationen zum Alumni Center for Teaching and Learning

Ein weiteres Feld ist die Weiterbildung der Lehrenden im Bereich rechtswissenschaftliche Fachdidaktik. Und wir werden Daten über das Lernen erfassen, untersuchen und nutzbar machen – sogenannte Learning Analytics. Damit können wir die Unterstützung für die Studierenden stärker individualisieren und auf die Bedürfnisse der einzelnen Studierenden besser eingehen.

Wie kann Lernen mit digitalen Medien funktionieren?

Olivia Czerny: Eines unserer zentralen Anliegen ist es, Studierende mit didaktisch hochwertigen und zeitgemäßen Lernmedien bei der Bewältigung des Lehrstoffs zu unterstützen. Dazu gehört zum Beispiel das digitale Fallbuch, in dem für fortgeschrittene Studierende Fälle aus der aktuellen Rechtsprechung von Lehrenden aufbereitet sind. Auch unser Angebot an Anfängerfällen wird stetig erweitert. Die Besonderheit des digitalen Fallbuchs ist, dass nach dem Sachverhalt die Lösung nicht sofort präsentiert wird. Vielmehr klicken sich die Studierenden Schritt für Schritt durch die Lösung und bekommen leitende Fragen gestellt, die ihnen bei der Falllösung helfen sollen. Didaktisch kommen hier Scaffolding-Elemente zum Ausdruck. Damit wird der Lernprozess durch Anleitungen und Denkanstöße unterstützt, die dem individuellen Kenntnisstand entsprechen.

Sven Störmann: Bereitgestellt werden diese Inhalte über die Lernplattform dskrpt, die an der Bucerius Law School entwickelt wurde. Ihre Weiterentwicklung und Implementierung sind eng mit dem neuen Zentrum verbunden. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass Lehrinhalte nicht nur digital verfügbar, sondern auch lernwirksam gestaltet sind und einen echten Mehrwert für Studium und Examensvorbereitung bieten.

Mit welchen Formaten werden die Studierenden konkret unterstützt?

Olivia Czerny: Im sogenannten Propädeutikum führen wir die Studierenden schon vor Beginn der Fachvorlesungen in die juristische Methodik ein. Zudem bieten wir in allen Phasen des Studiums Unterstützung durch individuelle Beratung, vor allem im Rahmen unseres Erfolgsmodells, der Klausurenklinik, und klausurenzentrierte Formate sowie Videokorrektur von Probeklausuren. In der Examensvorbereitung bieten wir unter anderem simulierte mündliche Prüfungen und ein Probeexamen an. Mit der Gründung des ACTL werden wir diese Formate weiterentwickeln. Zum Beispiel werden wir das Probeexamen-Angebot ausweiten. Außerdem werden wir den Examensübungsklausurenkurs komplett neu konzipieren, einen Fallbesprechungskurs aufbauen und auch Intensivkurse zur Examensvorbereitung anbieten. Auch das Angebot von Anfängerfällen im digitalen Fallbuch des dskrpts wollen wir ausweiten.

Was ist eure Vision einer guten Lehre?

Sven Störmann: Unser Ziel ist es, das Jurastudium nachhaltig zu modernisieren und die Bucerius Law School als Ort exzellenter Lehre weiter zu profilieren. Häufig wird angenommen, dass Rechtswissenschaft und neue Ideen im Widerspruch zueinanderstehen – doch unsere Erfahrung zeigt: die Rechtswissenschaft profitiert enorm von Innovationen. 

Olivia Czerny: Für die Studierenden bedeutet das: Sie erwerben nicht nur juristisches Fachwissen, sondern auch die Kompetenzen, die sie in einer zunehmend komplexen, digitalisierten und interdisziplinären Berufswelt brauchen.

Text

Désirée Balthasar

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