Die Bucerius Law School setzt sich für mehr Chancengleichheit auf dem Campus ein. Dass das ein Marathon ist und kein Sprint, weiß Isabelle Müller-Pfister, Referentin Persönlichkeitsentwicklung und Mentoring sowie Diversity-Koordinatorin aus ihrer täglichen Arbeit.
Mit ihr sprachen wir über das Projekt Diversity Matters und eine Videoreihe, die daraus entstanden ist. Darin erzählen Menschen aus dem Kontext der Hochschule über persönliche Erfahrungen, Schwachstellen und skizzieren Lösungen. Die Interviews führte Prof. Dr. Felix Wirth Hanschmann, Inhaber des Dieter Hubertus Pawlik Stiftungslehrstuhls Kritik des Rechts.
Isabelle, Was hatte es mit dem Projekt Diversity Matters auf sich?
Das Projekt Diversity Matters entstand im Rahmen der Initiative „Vielfalt an deutschen Hochschulen“. Ziel des Projektes war die Entwicklung eines ganzheitlichen Diversitätskonzepts unter Einbezug aller Statusgruppen der Hochschule. Wir haben verschiedene Veranstaltungen durchgeführt und eine Videoreihe ins Leben gerufen. Auf diese Weise haben wir Einblicke in unseren Prozess gewährt und auf dem Campus für das Thema sensibilisiert und aufgeklärt.
In der Videoreihe haben die Personen sehr offen und persönlich über ihren Bezug zu Diversity gesprochen – was hast du aus den Interviews mitgenommen?
In den Videos werden die unterschiedlichsten Perspektiven verständlich und ich freue mich, dass wir die Menschen mit ihren Themen sichtbar machen konnten! Die Interviewpartner:innen haben über soziale Herkunft, Migrationserfahrungen, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, Diskriminierungserfahrungen und strukturelle Hürden im Bildungssystem gesprochen. Das Besondere daran: hinter jedem Thema verbirgt sich eine persönliche Lebensgeschichte.
Gleichzeitig wird deutlich, dass Diversität nicht nur ein individuelles Thema ist, sondern auch eine institutionelle Aufgabe von Hochschulen darstellt. Besonders eindrücklich für mich: Viele Herausforderungen sind nicht auf mangelnde Fähigkeiten der einzelnen Personen zurückzuführen, sondern auf unterschiedliche Ausgangsbedingungen, fehlende Vorbilder oder unbewusste Barrieren.
Videoreihe Diversity Matters
Was tut die Bucerius Law School, um Gleichstellung herzustellen?
Prof. Dr. Felix Wirth Hanschmann, Inhaber des Lehrstuhls „Kritik des Rechts“, hat verschiedene Akteur:innen der Hochschule zum Interview eingeladen: Studierende, Alumnae und Alumni, Professor:innen und Mitarbeitende des Hochschulmanagements. In Videos berichten die interviewten Personen von ihrer Diversitätsarbeit, ergriffenen Maßnahmen, Erfolg und Misserfolg sowie persönlichen Erfahrungen.
Welche Ideen stachen heraus und warum?
Was deutlich wurde: soziale Herkunft beeinflusst Bildungschancen wirklich stark. Mehrere Interviewpartner:innen berichteten als Erstakademiker:innen von Situationen, in denen sie sich unsicher fühlten oder ihnen informelles Wissen fehlte, das andere bereits aus ihrem familiären Umfeld kannten. Zum Beispiel Felix Wirth Hanschmann, der über seine Herkunft reflektiert.
Das zeigt: Chancengleichheit bedeutet nicht, alle gleich zu behandeln, sondern unterschiedliche Ausgangssituationen mitzudenken.
Diversität ist vor allem auch eine strukturelle Aufgabe, wie etwa Andrea Leuck-Baumanns – eine unserer Gleichstellungspersonen – in ihrem Video beschreibt. Diversität ist keine individuelle Aufgabe. Es braucht Unterstützung an vielen Stellen der Hochschule. So müssen etwa Auswahlverfahren, Unterstützungsangebote, Lehrinhalte und Hochschulkultur so gestaltet werden, dass unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt werden.
Auch Prof. Dr. Michael Grünberger, hat über Diversity gesprochen. Was beschäftigt den Präsidenten der Hochschule?
In seinem Video macht er deutlich, dass Vorbilder enorm wichtig sind. Also Menschen, die anderen zeigen, dass unterschiedliche Lebenswege mit akademischem und beruflichem Erfolg vereinbar sind. Vorbilder schaffen Orientierung und stärken das Gefühl, dazuzugehören – das ist auch ein Leitgedanke meiner täglichen Arbeit, zum Beispiel in unserem Mentoring-Programm.
Diversity an der Hochschule
Die Bucerius Law School versteht Diversität, Inklusion und Gerechtigkeit als zentralen Bestandteil ihres Selbstverständnisses und ihres gesellschaftlichen Auftrags. Dazu arbeitet die Arbeitsgemeinschaft Diversität abteilungsübergreifend zusammen, entwickelt gemeinsam Maßnahmen und fortlaufend am Diversity-Konzept.
Gleichstellung an der Bucerius Law School
Welche Wünsche hatten die interviewten Personen?
Sie wünschen sich eine Hochschule als einen Ort mit noch mehr Chancengerechtigkeit, unabhängig von der sozialen Herkunft. Also mehr Studierende mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen und weniger Berührungsängste und Hürden für Erstakademiker:innen.
Sie wünschen sich, dass alle Mitglieder der Hochschule ihre Identität offen leben können und es noch mehr Bewusstsein für unterschiedliche Lebensrealitäten und eine noch inklusivere Campuskultur gäbe.
Und schließlich wünschen sie sich, dass strukturelle Barrieren verschwinden, so dass Diversität selbstverständlicher Teil von Entscheidungen und Prozessen wäre und die Hochschulgemeinschaft die gesellschaftliche Vielfalt stärker widerspiegeln würde.
Was folgt nun aus diesen Erkenntnissen?
Die Bucerius Law School nimmt diese Wünsche und Bedürfnisse ernst. Wir verstehen Diversität als langfristigen Entwicklungsprozess. Während des geförderten Projekts Diversity Matters haben wir dafür neue Strukturen geschaffen. Das Projekt war ein wichtiger Anstoß dafür, das Thema institutionell und dauerhaft zu verankern.
Dazu zählt die Arbeitsgemeinschaft Diversität, in der sich Personen aus der Verwaltung und den Lehrstühlen engagieren, sowie meine Rolle als Diversity-Koordination, in der ich mich damit beschäftige, wie wir mehr Chancengleichheit im Hochschulalltag umsetzen können.
Woran arbeitest du aktuell und was wird als nächstes umgesetzt?
Es ist ein bunter Strauß an Themen, die uns seitdem beschäftigt haben und immer noch beschäftigen: u.a. das Auswahlverfahren, Unterstützungsangebote für Erstakademiker:innen, Sensibilisierungsmaßnahmen bzw. Weiterbildungen für Studierende und Mitarbeitende oder auch die Etablierung des Bucerius Pride Network.
Gerade haben wir eine Richtlinie für ein respektvolles Miteinander und zum Schutz vor Diskriminierung erarbeitet, nun werden wir uns weiter unserem Diversity-Konzept widmen. Es gibt viel zu tun und die Hochschule tut viel dafür, diesen Themen einen angemessenen Raum zu geben. Denn: Vielfalt entsteht nicht von allein, sondern muss aktiv gefördert werden. Ich bin dankbar und stolz, daran mitwirken zu können.